
Ahmad Al-Khalifa
SPAGAT 4:
“Werte & Integration”

Zuerst möchte ich mich für die Leserbriefe, Ratschläge und Lob bedanken. Gerne würde ich Teile dieser Briefe veröffentlichen, wenn ich in der Lage dein werde, die Artikel regelmäßiger zum Erscheinen zu bringen. Am meisten habe ich von den Kritiken profitiert, meinen besonderen Dank verdienen meine konstruktiven Kritiker.
Ganz interessant für mich waren inzwischen die viele Ratsuchenden Briefe von Schwestern, die vor einer Entscheidung standen, ob sie den Richtigen geheiratet haben. Alhamdulillah, die meisten dieser Schwestern haben selbst die Frage beantwortet: „Ja, es kann sein, dass er der Richtige wäre. Dann war mein SPAGAT nicht vollendet. Ich versuche mit dem SPAGAT weiter“. Ein schönen Brief habe ich von einem Ehepaar bekommen, sie schreiben darin: „Bis zum Lesen des Artikels dachten wir, wir haben beide den falschen Partner bekommen. Nach dem Lesen sind wir der Überzeugung, jeder hat den richtigen Partner bekommen. Wir werden es uns beweisen, inshallah“. Diese Sätze haben mir eine Freude bereitet, die ich seit Jahren nicht gespürt habe. Danke liebe Geschwister.
Meine Lebenserfahrungen haben mich gelehrt, dass die in Deutschland wohnende Muslime und Migranten in Vergleich zu den anderen europäischen Staaten am Meisten einen harten SPAGAT als Preis der erreichten Integration bezahlt haben:
1. Sowohl die Mehrheitsgesellschaft als auch die Migranten haben kein Interesse an eine dauerhafte Integration bzw. Migration gehabt. Man könnte hier sagen, beide Seiten waren politische Analphabeten und unerfahren in diesem Bereich.
2. Die deutsche Sprache war in den Herkunftsländern keine der „üblichen“ Landessprachen, die man in der Schule bzw. im Alltag angewandt hätte. Anders als die französischen, englischen, italienischen, spanischen oder griechischen Sprachen.
3. Die Migration fand in den anderen europäischen Staaten in einer friedlichen Phase statt, ganz anders als das Anwerben von Gastarbeitern in Deutschland, was als Folge eines demographischen Defizits des Krieges gewesen war. Das hat zu Folge, dass die Migranten unvorbereitet und aus armen Milieus kamen, was nicht den Durchschnittsbürger in der Heimat widerspiegelt.
Trotz all dieser Hemmfaktoren hat die erste Generation der Migranten in Deutschland viele Hürden überstiegen/übersprungen/überwunden, andere Hürden stehen noch als Herausforderung für die Zukunft bis eine Integration im Sinne der Normalisierung der Lebenszustände der Minderheit an der Lebenssituation der Mehrheit und ein gewisse Akzeptanz und Anerkennung kommt, nachdem Teile der Respekt schon zu verzeichnen sind.
SPAGAT:
Den berühmten deutschen Satz über den Migranten lautete in den siebziger Jahren: »Wir riefen Gastarbeiter, und es kamen Menschen«: Das sagte Max Frisch[1], der zu den bedeutendsten deutschsprachigen Schriftstellern der Nachkriegszeit gehörte. Obwohl diese Fehllieferung (Menschen anstatt von Arbeitern) hat die Mehrheitsgesellschaft absichtlich oder Gezwungenerweise diese Fremden behalten. Das war ein SPAGAT ähnlicher Akt. Es hatte dann jahrzehntelang gebraucht bis der Gesetzgeber den SPAGAT führen konnte und aus den Fremden Migranten machen konnte. War das die Not der Wirtschaft oder der Industrie? Oder war das die Humanität der Kirche und der Hilfsorganisationen? Trotzdem hat der SPAGAT endlich die Notwendigkeit der Integrationskurse erkannt.
Unsere Bundeskanzlerin Frau Dr. Merkel händigte am 12.05.2009 an 16 Migranten das Zeugnis aus, dass sie nicht nur als Migranten willkommen sind, sondern darüber hinaus als Bürger. So einen Akt hätten die Politologen Deutschlands vor 20 Jahren nicht von der Führung der christlichen Union nicht erwartet. Ist das der SPAGAT der Politik kurz vor den Bundestagswahlen? Oder ist das der Druck der demographischen Entwicklung Deutschlands?
Der demographische Wandel ist im vollen Gange:
Aus dem Bericht „Bevölkerung mit Migrationhintergrund“[2]-geht hervor, dass in den Großstädten Frankfurt, Stuttgart, München, Düsseldorf und Nürnberg fast 40% einen Migrationhintergrund haben, und unter den noch nicht eingeschulten Kindern über 65% sind. Deshalb ist die Aufgabe der Intellektuellen auf beiden Seiten, eine Lösung der wahren Probleme und Herausforderungen zu diskutieren, und nicht mehr in alten Denkweisen zu verharren.
Es mag sein, dass die Diskussion vor 20 Jahren auf der deutschen Ebene mit Themen verhaftet war, wie Leitkultur, Überfremdung, Unterwanderung der Gesellschaft, Rückkehr von Ausländer, Anwerbestopp,… usw. Heute mit den neuen Zahlen des statistischen Bundesamtes darf die Diskussion nicht mehr über Kopftuch und Religionsunterricht sein.
Es mag es auch sein, dass die Diskussion vor 20 Jahren auf der Ebene der Migranten sich beschäftigte, wie kultureller Schutz, Befremdung, Verlust der Identität, Nationalstolz, Flucht zur Heimat,… usw. Heute darf nicht mehr die Diskussion über die Beziehung zur Gesellschaft und interkulturellen Ehen geführt werden. Der Zug ist schon längst abgefahren.
Falls eine gesellschaftliche Diskussion über das Zusammenleben notwendig ist, dann über das Wie und Wann und nicht mehr über das Warum und Ob!
Ich weis, dass solche Gespräche, Diskussionen und Realitäten Weh tun! Aber alle Wege der Integration führen über dieses Thema! Und wir dürfen die Augen nicht mehr davor verschließen. Es ist der SPAGAT, der uns erlaubt die Chance zu nutzen und den Sozialfrieden herzustellen und zu bewahren.
Unter den Migranten stellen die Türken nicht mehr die Mehrheit von 23,8% wie im Jahre 1971 und 34,7% im Jahre 1981, sondern ihr Präsenz ist auf 14,2% der Zuwanderer im Jahre 2006 gesunken. Trotzdem werden die Türken im Lande als Maßstab der Integration genommen.
Geschichte der Migration in Deutschland:
Die Geschichte der Arbeitsmigration in Deutschland ist auf allen Ebenen voll mit SPAGAT-Erfahrungen. Die Suche der Landwirtschaft und Industrie nach Hand- bzw. Hilfsarbeiter einerseits und andererseits die Beschaffung von politischen Rahmen für den Aufenthalt bzw. Rückkehr und Integration der Migranten waren die Merkmale des SPAGATS auf der deutschen Seite. Auch auf der europäischen Seite ist ein SPAGAT der Zuständigkeit verübt worden. Auf Migrantenseite war und ist immer noch die Integration in der Gesellschaft die wichtigste SPAGAT-Herausforderung.
I. Gesellschaftlicher SPAGAT:
1.1. SPAGAT: Arbeiter für die Landwirtschaft
"Wir waren damals in der Zeit der so genannten Landflucht", "Wir hatten in der Landwirtschaft keine Arbeitskräfte mehr", erinnert sich Erich Sträub an die frühen 50er Jahre, Ortsvorsteher und Vorsitzender des Kreisbauernverbandes Ulm. "Die eigenen Söhne und Töchter sind immer mehr abgewandert in die Städte, wo man mehr verdienen konnte,
Wir brauchten also Leute für die Handarbeit. Und da hat man uns die Italiener empfohlen." … Uns so war der Beginn der Ausländerbeschäftigung in der Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg. So kamen die ausgesuchten 300 Landarbeiter 1955 nach Stuttgart, wo sie von ihren Bauern am Bahnhof empfangen wurden.
1.2. SPAGAT: Arbeitsbedingungen:
Jährlich meldeten die Bauernverbände in der ersten Hälfte der 50er Jahre einen Fehlbedarf von bis zu 100.000 Arbeitskräften an, obwohl noch im Durchschnitt dieser Jahre mehr als eine Million Arbeitslose registriert wurden und die Arbeitslosenquote 1955 beispielsweise 5,6 Prozent betrug. Freiwillig war damals offensichtlich kaum ein Arbeitsloser bereit, zu den kargen Lohnbedingungen in der Landwirtschaft zu arbeiten. Ungeregelte Arbeitszeiten, Arbeit bei Wind und Wetter und oft an Sonn- und Feiertagen schreckten die meisten ab.
1.3. SPAGAT: Anwerbevereinbarungen:
Am 20. Dezember 1955 unterzeichneten Vertreter der deutschen und der italienischen Regierung eine Anwerbevereinbarung, so dass ein Jahr später offiziell die ersten ausländischen Arbeitskräfte in die Bundesrepublik kommen konnten. Der italienische Arbeitsmarkt war schon bald im wahrsten Sinne des Wortes "leergefegt". Weitere Anwerbeabkommen wurden deshalb 1960 mit Spanien und Griechenland, 1961 mit der Türkei, 1964 mit Portugal, 1965 mit Tunesien und Marokko und 1968 mit Jugoslawien
abgeschlossen.
1.4. SPAGAT: Lob an den Migranten Arbeitnehmern:
1962 zog der für die Anwerbung von ausländischen Arbeitern zuständige Referent der Bundesanstalt für Arbeit, Helmuth Weicken, eine positive Bilanz der Beschäftigung türkischer Arbeitskräfte in der Bundesrepublik Deutschland: "Die türkischen Arbeitnehmer haben sich bei ihrer Arbeit in der Bundesrepublik durchaus bewährt. Die deutschen Arbeitgeber werden daher auch in Zukunft daran interessiert sein, Arbeitskräfte aus der Türkei zu erhalten. Für die Bundesrepublik bedeutet die Beschäftigung der türkischen Arbeitskräfte eine wertvolle Mithilfe zur Aufrechterhaltung des deutschen Produktionsniveaus."
1.5. SPAGAT: Kein Verlust der Arbeitsplätze:
Der Sachverständigenrat wies in einem Gutachten schon bald auf die gesamtwirtschaftlichen Vorteile der Ausländerbeschäftigung hin: "Die Ausländer ermöglichen den deutschen Arbeitnehmern, in qualifiziertere Berufe aufzusteigen, sie decken einen großen Teil des Bedarfs der Wirtschaft an regionaler Mobilität."
Der Präsident der Bundesanstalt für Arbeit, Josef Stingi, begrüßte im Jahre 1972 die 19jährige Jugoslawin Vera Rimski in München als die Zwei-Millionste "Gastarbeiter(in)". Die Zeitung schrieb: "... Josef Stingi, danke der Jugoslawin und allen anderen Gastarbeitern für den großen Anteil, den sie zum Bruttosozialprodukt beitrugen und damit den hohen Lebensstandard in der Bundesrepublik überhaupt erst ermöglicht hätten.“
1.6. SPAGAT: Umgehung des Anwerbestopps:
Im Jahre 2000 meldete der Verein Deutscher Ingenieure VDI trotz Massenarbeitslosigkeit in Deutschland 100.000 offene Stellen für Informatiker, weil der Arbeitsmarkt nicht genug qualifizierte Kräfte bot. Dies führte zur Green-Card-Regulierung zwei Jahre später.
II. Politischer SPAGAT:
2.1. Von 1955 bis 1973: Ausländerbeschäftigung als vorübergehende Erscheinung
Lange Zeit war die Ausländerpolitik dadurch gekennzeichnet, dass die
Bundesregierung ausländische Arbeitskräfte im Interesse der Wirtschaft anwarb. Es herrschte Übereinstimmung darüber, dass die Ausländerbeschäftigung eine vorübergehende Erscheinung sei und dass die ausländischen Arbeitnehmer über kurz oder lang heimkehren würden. So war lange Zeit in der Ausländerpolitik kein Konzept infrastruktureller, sozial- und bildungspolitischer Maßnahmen vorhanden. Ausländerpolitik wurde und wird heute immer noch in erster Linie als Arbeitsmarktpolitik gesehen. Nach diesen Interessen richten sich alle Maßnahmen und Konzepte, die Ausländer in der Bundesrepublik betreffen.
2.2. Die zweite Phase von 1973 bis 1979: "Konsolidierung" der Ausländerbeschäftigung
Die Auseinandersetzung über Vor- und Nachteile der Ausländerbeschäftigung setzte Anfang der siebziger Jahre vor allem deshalb ein, weil immer mehr erkennbar wurde, dass die Ausländerbeschäftigung eben kein vorübergehendes Phänomen bleiben sollte und ausländische Arbeitnehmer ihre Familien nachholten. Die Diskussion über Kosten und Nutzen der Ausländerbeschäftigung sowie die Furcht vor sozialen Konflikten schlug sich im Anwerbestopp für ausländische Arbeitnehmer nieder, der am 23. November 1973 verhängt wurde. Damit ergänzte die Bundesregierung ihre Ausländerpolitik durch den Grundsatz "Konsolidierung", das heißt Begrenzung der Zahl der ausländischen Arbeitnehmer und Anpassung an die Aufnahmefähigkeit der sozialen Infrastruktur. Außerdem wurde zum ersten Mal eine Eingliederungspolitik für die ausländischen Familien angekündigt, die langfristig in der Bundesrepublik bleiben wollten.
Zum Abbau vorhandener Integrationsdefizite und um das Verständnis zwischen den Deutschen und den hier lebenden Ausländern zu fördern, schaffte die Bundesregierung 1978 das Amt des Beauftragten der Bundesregierung für Ausländerfragen.
2.3. Von 1979 bis 1980: Integrationskonzepte im Mittelpunkt
In dieser Phase standen Integrationskonzepte im Mittelpunkt der Ausländerpolitik. In diesem Zusammenhang legte der erste Ausländerbeauftragte der Bundesregierung ein Memorandum vor. Er forderte die Anerkennung, der "faktischen Einwanderung" und ein Kommunalwahlrecht für Ausländer. Die Bundesregierung blieb 1980 mit ihrem Beschluss zur Ausländerpolitik jedoch weit hinter den Forderungen ihres eigenen Ausländerbeauftragten zurück.
2.4. Von 1981 bis 1990: "Wende in der Ausländerpolitik" und Kampf um das neue Ausländergesetz
Alles in allem ist seit 1981 eine starke Politisierung des "Ausländerproblems" festzustellen. Aus einem kurzen Wettlauf um Integrationskonzepte wurde 1981 plötzlich ein Rennen nach einer Begrenzungspolitik. Zur Begründung führte die Bundesregierung die Furcht vor sozialen und politischen Spannungen an, die den gesellschaftlichen Frieden in der Bundesrepublik gefährden könnten. Am 14. Juli 1982 beschloss die Bundesregierung Maßnahmen zur Förderung der Rückkehr ausländischer Arbeitnehmer. Schon kurz vor der Übernahme der Kanzlerschaft hatte Helmut Kohl erklärt, dass die Zahl der Ausländer vermindert werden müsse. Außerdem ist seit dem Machtwechsel in Bonn im Jahr 1982 eindeutig eine Kompetenzverlagerung in der Ausländerpolitik vom Bundesarbeits- zum Bundesinnenministerium festzustellen, was daran liegt, dass ordnungspolitische Maßnahmen immer mehr ins Zentrum der ausländerpolitischen Entscheidungen rückten.
2.5. Von 1990 bis 1995: Asylpolitik im Vordergrund - "Gastarbeiter" geraten in Vergessenheit
Zu Beginn der 90er Jahre wiederholte sich die Diskussion um die Zuwanderung nach Deutschland, wenn auch mit veränderten Rollen. Waren es vor zehn Jahren die Türken, die im Brennpunkt einer Begrenzungspolitik standen, konzentrierte sich die Debatte nun auf die Asylbewerber und Flüchtlinge. Nach einer jahrelangen Auseinandersetzung stimmte die SPD schließlich 1993 der Änderung des Grundgesetzes Art. 16.1[3] zu. Hinzu kam das Problem, dass zwei Themen immer öfter miteinander vermischt werden: die Zuwanderung von Aussiedlern und Asylbewerbern und die in Deutschland lebenden Ausländer. Alle Versuche, das Bewusstsein für die neue Einwanderungssituation im nun vereinigten Deutschland[4] zu schärfen und eine umfassende Einwanderungs- und Integrationspolitik auf den Weg zu bringen, sind gescheitert.
2.6. Von 1995 bis 1998
Im November 1997 trat das Gesetz zur Änderung ausländer- und asylverfahrensrechtlicher Vorschriften in Kraft. Das Gesetz verbesserte die Rechtsstellung der in Deutschland lebenden Ausländer, erleichterte die staatlichen Möglichkeiten von Ausweisung und Abschiebung krimineller Ausländer und verankerte gleichzeitig das Amt des Ausländerbeauftragten gesetzlich.
Schon zu Beginn der Amtszeit 1998 drängte die rot-grüne Koalition auf eine Reform des Staatsangehörigkeitsrechts. Die damalige Opposition weigerte sich jedoch, im Falle einer Einbürgerung Mehrstaatigkeit zu erlauben.
2.7. Von 1998 bis 2002
Auf Druck der Wirtschaft führte die Bundesregierung zur Anwerbung von Fachkräften aus der IT-Branche auf der CeBIT im Jahr 2000 die Green-Card ein. Dabei handelte es sich um eine Sonderregelung für 20.000 ausländische hochqualifizierte Computerspezialisten mit begrenztem Aufenthaltsstatus, welche den Anwerbestopp außer Kraft setzte.
Die Ausländerbeauftragten von Bund und Ländern beschlossen 2002 die Einrichtung einer AG Integration, um die Konkretisierung der Integrationsförderung nach dem Zuwanderungsgesetz zu begleiten und zu koordinieren. Vorrangiges Ziel war die Ausgestaltung der Integrationskurse für Neuzuwanderer, welche seit 2003 verpflichtend von Bund und Ländern anzubieten sind.
2.8. Von 2002 bis 2009
Am 1. Januar 2005 löste das Aufenthaltsgesetz (AufenthG) das Ausländergesetz ab. Dieses regelt erstmals auch das übergeordnete ausländerpolitische Ziel der Integrationsförderung. Das Gesetz ist noch nicht angepasst an den verbindlichen Richtlinien der EU bezüglich des Ausländer- und Asylrechts und an das Antidiskriminierungsgesetz.
Seit dem 1. Januar 2005 ist der Begriff „Ausländerbeauftragter“ nicht mehr korrekt, denn nach § 92 bestellt die Bundesregierung einen „Beauftragten für Migration, Flüchtlinge und Integration“.
Die Bundeskanzlerin macht die Integration zur Chefsache und leitet seit dem 14. Juli 2006 der Integrationsgipfel. Damit werden Konferenzen von Vertretern aus Politik, Medien, Migrantenverbänden sowie Arbeitgeberverbänden, Gewerkschaften und Sportverbänden im Kanzleramt bezeichnet, die zum Ziel haben, Probleme der Zuwandererintegration in der Bundesrepublik Deutschland in intensiven Diskussionen zu lösen.
"Es geht darum, die Zukunft miteinander zu gestalten", betonte Dr. Wolfgang Schäuble, Bundesinnenminister und Initiator der Deutschen Islam Konferenz im November 2006 kurz nach dem Start der DIK aus 30 Mitgliedern, die Hälfte sollen die Muslime repräsentieren neben 15 Personen der Öffentlichkeit. Die islamischen Verbände werden durch 4 Personen dabei repräsentiert, die dann einen Koordinierungsrat der Muslime (KRM) gebildet haben, bestehend aus den vier größten islamischen Organisationen in Deutschland. Er wurde am 11. April 2007 vom Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD), der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religionen (DİTİB), dem Islamrat für die Bundesrepublik (IRD) und dem Verband der Islamischen Kulturzentren (VIKZ) gegründet.
III. Europäischer SPAGAT:
Brüssel spielt eine immer größere Rolle in den politischen Feldern Integration, Migration und Asylrecht in einem Europa ohne Binnengrenzen. So hat die supranationale EU verschiedene Richtlinien erlassen, vor allem im Bereich der Asylpolitik, welche von den Mitgliedstaaten verpflichtend in nationales Recht umzusetzen sind. Die europäische Migration- und Asylpolitik können wir in drei Phasen unterscheiden:
3.1. 1957–1990: koordinierte Politik der EU-Staaten
Bis 1990 verfügte die EU über keinerlei migrationspolitischen Kompetenzen. Jeder Staat regelte seine Belange selbst und es gab nur in Bereichen wie Kriminalitätsbekämpfung erste gemeinsame Absprachen.
3.2. 1990–1999: verstärkte Zusammenarbeit zwischen den EU-Staaten
Von 1990 bis 1999 stiegen die Asylantragszahlen und einige europäische Staaten einigten sich auf Kooperation und die Verteilung der Asylbewerber. Es kam zu folgenden Abkommen:
Schengener Durchführungsübereinkommen (SDÜ)
Dubliner Übereinkommen 1997[5]
Der Vertrag von Maastricht ist seit 1993 gültig und definiert Asylpolitik als Aufgabe von „gemeinsamem Interesse“ und damit als Gemeinschaftsaufgabe
3.3. 1999–heute: Gemeinsame Migrationpolitik
Der seit 1999 gültige Amsterdamer Vertrag verlagert die Kompetenzen der einzelnen Mitgliedsstaaten bezüglich Migration und Asyl nach Brüssel.
IV: SPAGAT DER MIGRANTEN:
Diese Versuche auf allen Ebenen, Lösungen für die Migrationfragen zu finden, sind bei den Migranten selbst nicht spurlos gelaufen. Auch die Migranten während dieser über 50jährigen Migrationgeschichte haben ihren Beitrag zur Integration geleistet. Der Prozess der gesellschaftlichen Integration für die Migranten war und ist nicht einfach, sondern forderte den SPAGAT in der Familie, in der Schule und Ausbildung, im Beruf, im Verein, in den Nationalgefühlen, wie auch in der Religion.
Es ist nicht einfach diese Leistungen zu sehen, wenn man nur die Berichterstattung der Presse verfolgt oder die Statistiken liest, obwohl sie als Informationsquelle sehr wichtig sind. Darüber hinaus sollen wir das Leben der Migranten auch sehr differenziert betrachten und wie sie vor 50-Jahren als Handarbeiter in der Landwirtschaft erworben wurden und mittlerweile in der 2. und 3.Generation auch in den Führungsetagen dieser Gesellschaft (Politiker, Lehrer, Richter, Univ.-Professoren, …usw.) zu finden sind.
Auf diesem sozialen Weg haben die kulturellen Interessen und die religiöse Kontakte viele Änderungen und Anpassungen erlebt.
Keine Person und keine Familie sind in ihrem sozialen Milieu über die Zeit geblieben, sondern eine Entwicklung hat stattgefunden. Diese Milieuwanderung war Ergebnis des Integrationswillens und Integrationsbereitschaft. Studieren wir die sozialen Milieus der Migranten innerhalb der letzten 50 Jahre finden wir diese Vielfalt:
4.1. National traditionelles Gastarbeiter-Milieu:
Damit ist gemeint, dass für diese Personen Normen, Lebensstil bzw. wirtschaftliche und politische Faktoren ursprünglich in den nationalen Gefühlen zu finden sind. Das zeigt sich bei der Pflege der Tradition in der Sprach-, Kleidung- oder Essgewohnheiten. Beim Kommen der Migranten hatten sie sich am Anfang daran orientiert, aus diesem Milieu konnten sie Kraft und Halt schöpfen. Ein Ziel der Migration war die Suche nach materieller Sicherheit für sich und die Familie. Und so spielte der sichere Arbeitsplatz mit festen Einkommen (abgesehen von der Höhe) neben der Bewahrung der Familientradition die zentrale Rolle im Leben. Als Gegenleistung dafür akzeptierten sie jegliche Arbeitsbedingungen und niedrigere Löhne und erwarteten nur den Respekt der Gesellschaft oder mindestens der Familie als Ersatz für die mangelnde Akzeptanz in der Gesellschaft, was die Notwendigkeit der Familientradition zusätzlich erhöhte.
4.2. Religiöses Milieu:
Die Zugehörigkeit zu diesem Milieu verrät nicht den Grad der Religiosität der einzelnen Personen, sondern beschreibt mehr die Lebensfaktoren, die an die religiöse Tradition der Herkunftsregionen verbunden sind. Äußerlich unterscheiden sich die Mitglieder dieses Milieus nicht viel von der nationalen Milieugruppe. Den Unterschied verzeichnet man bei der Einhaltung der religiösen Pflichten wie beim hohen Maß der Selbstdisziplin und bei strikter Moral. Um ihr religiöses Empfinden zu schützen, pflegt diese Gruppe weniger Kontakt und beweist bei den gesellschaftlichen Konflikten ein geduldiges Ertragen von Fremdheit und Ausgrenzung.
Man kann einfach eine ständige Wanderung unter den Mitgliedern dieser beiden Gruppen: Mitglieder der ersten Generation werden im höheren Alter mehr religiös orientiert, in der Zeit wo ihre Enkelkinder auf der Suche nach nationaler Identität und Orientierung sind.
4.3. Staturorientiertes Milieu:
Mit qualifizierter Weiterbildung in Deutschland oder durch das Aufwachsen in Deutschland steigern sich die beruflichen Chancen und entsprechend die Absichten in Deutschland zu bleiben und eine dauerhafte Existenz zu bauen. Und so erweitern sich die Ziele diese Gruppe auf Prestige und Ansehen und erreichen ihre soziale Anerkennung durch ihren Ehrgeiz und Zielstrebigkeit. Auf diesem Weg ist dieser Gruppe ein SPAGAT auf verschiedenen Ebenen gelungen: Einerseits der Gewinn der Zweisprachigkeit als Ideal neben der Pflege der kulturellen Wurzel, andererseits die Offenheit für den gesellschaftlichen Austausch trotz der Ablehnung der Randgruppen. Mit diesem SPAGAT erreicht diese Gruppe einen Platz in der Gesellschaft, was zur Folge hat, dass ein großer Anteil die Einbürgerung als Krone dieser Bemühungen versteht.
4.4. Multikulturelles Milieu:
Die meisten Kinder von leistungsorientierten Familien wachsen mit multikulturellen Bewusstsein (Mehrsprachigkeit, Offenheit für religiöse Vielfalt, Internationalität und Weltbürgerschaft, …) auf und können in der Regel sich nur mit dem westlichen Lebensstil identifizierten. Durch Vergleiche mit der Ursprungheimat betrachten sie die Migration als Bereicherung und entwickeln dadurch Mechanismen der Selbstverwirklichung, um diese Bereicherung in der Aufnahmegesellschaft zu bestätigen. Dafür streben sie ein Leben voller Karriere, Hochschulabschluss beim Studium und Spitzenleistung im Berufsleben.
In dieser Eifrigkeit vergisst man den kulturellen SPAGAT und man identifiziert sich mit dem deutschen Tugenden: Leistung, Ordnung, Recht, Freiheit,… usw., auf der anderen Seite wird eine Entfremdung von der Herkunftskultur verzeichnet.
Aufgeladen mit diesem gesamten Potenzial an Anpassungsfähigkeit und Integrationswilligkeit dann ertragen die Mitglieder dieser Gruppe kaum Ausgrenzung oder Diskriminierung, darum üben sie heftiger Kritik gegen die fehlende Integrationspolitik. Erreicht diese „berechtigte“ Kritik die Mehrheitsgesellschaft, dann erlöst sie eine Reaktion der Empörung dieser „undankbaren“ Migranten, und die Migranten stehen wieder vor einem neuen SPAGAT.
Sollen sie weiter wahrhaftig und verantwortungsbewusst für die Zukunft der deutschen Heimat sich einsetzen, inklusiv die Kritikausübung zur Verbesserung der Lage oder sollen sie schweigen und weiter „nur“ mit der „eigenen“ Karriere sich beschäftigen. Stützt sich ein Teil dieser Gruppe auf religiösen Hintergründe (Zugehörigkeit, Aktivität, Ernsthaftigkeit,…) dann könnte der Schrei der Presse noch lauter werden, dass eine fremde religiöse Unterwanderung der Gesellschaft im Gange sei. Und der neue SPAGAT meldet sich, inwieweit integrierte Personen „fremd“ religiös sein dürfen? Vielleicht wird ein Teil der Gesellschaft es für gemütlich halten, wenn diese Gruppe schweigen würde.
4.6. Intellektuelles Milieu:
Ein Traum jeder Gesellschaft, endlich intellektuelle aufgeklärte weltoffene Persönlichkeiten zu haben. „Auf diese Steine können Sie bauen“, sagt der Slogan einer Baufinanzierungsbank. Synonym dazu können die Gesellschaften ihre Zukunft in einer global denkenden Welt mit solchen Mitgliedern bauen und zusichern. Der Weg zu diesem Milieu führt über das hohe Bildungsniveau, Kreativität und Internationalität der Personen einerseits und über die gesellschaftliche Akzeptanz und Toleranz und soziale Gerechtigkeit andererseits. Diese Situation erfordert einen schwierigen SPAGAT im Integrationsprozess.
Der SPAGAT auf Seite der Gesellschaft zeigt sich in der Akzeptanz der Führung solcher Intellektuellen mit der Hoffnung der Bewahrung der eigenen Identität. Man versucht eine Leitkultur zu etablieren. Ein schwerer gesellschaftlicher SPAGAT ist zu erwarten beim Jonglieren mit der Abschaffung der Diskriminierung trotz der Reflektion dieser Gruppe für die kulturellen und religiösen Unterschiede. Hier könnte diese Tatsache als Gefahr und Entfremdung interpretiert und hier würde der SPAGAT sein Ende erreichen.
4.7. Spaß-Subkultur Milieu:
Auf der Suche nach der gesellschaftlichen Anerkennung für die orientierungslosen Jugendlichen wählt ein Teil von denen eine universelle Form der Anerkennung, nämlich das Geld und das Konsum. Am meisten leiden die Mitglieder dieser Gruppe unter der Perspektivlosigkeit, darum finden sie sich mehr im Bereich der Unterhaltung in der Spaßgesellschaft. Und so steigert sich die Beziehung zur Mehrheitsgesellschaft, von der ablehnenden Haltung direkt zu salonfähigen akzeptierten Personen. Die Mitglieder dieser Gruppe finden wir am meisten im Bereich Sport, Shows, Musik, Cafe-Besuchern, DJ, … usw. Eine neue Gemeinschaft bestehend aus Action, Feiern und Freizeit bietet eine „virtuelle“ Teilhabe an der Gemeinschaft und verleitet Gefühle der Anerkennung in dem geschaffenen Umfeld.
Bei den Mitgliedern dieser Gruppe ist ein großes Potential für den Erfolg im Leben, darunter die sehr guten Sprachkenntnisse wie die Vertrautheit mit beiden Kulturen und sie finden sich zu Recht in der deutschen Heimat (mit oder ohne Einbürgerung). Zu der Stärke dieser Gruppe sind ihre Gefühle eine positive Identitätsbrücke für beide Kulturen zu bieten über Gott, Religion, Familie und Ehre. Sie verstehen beide Begriffe auf beiden Seiten und können voll sich damit befreunden.
So haben die Mitglieder den SPAGAT zwischen Herkunfts- und Mehrheitsgesellschaft erfolgreich geschafft. Was noch fehlt ist der SPAGAT zu sich selbst! Bei den Mitgliedern dieser Gruppe besteht kein Kulturschock, sondern ein Kulturkonflikt. Wo stehe ich, und wer bin ich?
Das führt zu Zukunftsträumen und narzisstischer Selbstgefälligkeit.
Das Interessante für diese Personen ist die gemeinsame globale Zugehörigkeit. Sie können beide Seiten „legal“ verspotten. In diesem virtuellen Leben ist immer eine Anerkennung zu holen, ohne eine große Leistung zu bieten. Und so erreichen sie vieles, was sehr schwer innerhalb der Mehrheitsgesellschaft erreichbar ist.
Muslime, Gesellschaft und Staat:
Laut einer aktuellen, repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Gallup haben Muslime in Europa und der USA größeres Vertrauen in den Staat und können sich häufiger mit dem Land identifizieren, als die Gesamtbevölkerung. Ihre hauptsächlichen Probleme hingegen sind wirtschaftlicher und moralischer Natur.
Aus der Studie geht hervor, dass die Spannungen zwischen den Muslimen und der Gesamtbevölkerung von Armut und Arbeitslosigkeit herrühren und seltener mit dem Religionsunterschied zu begründen sind. Immer mehr Muslime identifizieren sich mit ihrer Wahlheimat, sind toleranter und verabscheuen Gewalt. Mindestens genauso viele Muslime wie Europäer streben nach einem friedlichen Zusammenleben mit Menschen anderer Religionen und ethnischer Herkunft.
Wassalam
Euer Ahmad Al-Khalifa
spagat@igd-online.de
[1] Max Frisch (*15.5.1911 in Zürich; verstorben am 4.4.1991) war ein Schweizer Architekt und Schriftsteller. Er gehört zu den bedeutendsten deutschsprachigen Schriftstellern der Nachkriegszeit.
[2] Ergebnisse des Mikrozensus 2006 des statistischen Bundesamtes in Wiesbaden
[3] § 16.1 Die deutsche Staatsangehörigkeit darf nicht entzogen werden. Der Verlust der Staatsangehörigkeit darf nur auf Grund eines Gesetzes und gegen den Willen des Betroffenen nur dann eintreten, wenn der Betroffene dadurch nicht staatenlos wird.
[4] Fall der Berliner Mauer am 3.11.1989 und Beitritt der DDR zur BRD am 3.10.1990- Deutsche Wiedervereinigung
[5] Das Dubliner Übereinkommen (DÜ) ist ein völkerrechtlicher Vertrag über die Bestimmung des zuständigen Staates für die Prüfung eines in einem Mitgliedstaat der Europäischen Gemeinschaft sowie weiteren europäischen Staaten gestellten Asylantrages. Das Dubliner Übereinkommen wurde am 15. Juni 1990 von den damals zwölf EG-Mitgliedstaaten unterzeichnet. Es trat am 1. September 1997 in Kraft. Das Dubliner Übereinkommen ist innerhalb der Europäischen Union inzwischen durch die sogenannte Dublin II-Verordnung ersetzt worden.