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Geschichte Nr.12:

 

TAG  DER INTEGRATION

 

            Wie viele Welt- und Nationaltage gibt es? Eine Frage, die ich nicht beantworten kann. Erst gestern habe ich eine Mail erhalten, dass die UNO seit 1977 den 29. November als „Welttag der Solidarität mit dem palästinensischen Volk“ proklamiert hat.

Ich habe meinen Terminkalender geholt und rein geschaut, was dies für ein Tag war. Der Sonntag! Und wo war ich an diesem besagten Tag? Ich hatte mit einem akademischen Verein  das Opferfest gefeiert. Nichts in der deutschen Presse, auch Nichts in den arabischen Sendern (die ich empfange) haben mich an die Solidarität mit dem palästinensischen Volk erinnert. Und da stellt sich bei mir die Frage, warum und wofür sind diese Tage gut?

 

            Am 10. Dezember war der „Welttag der Menschenrechte“. Ich habe die Nachrichten genau verfolgt und suchte vergeblich nach Anzeichen des Andenkens.

Überall hatte man davon berichtet, dass Barack Obama seinen Friedensnobelpreis erhalten hat. Ich verstehe es vielleicht, dass der 29.11. absichtlich vergessen wurde, da Zeichen der Solidarität mit den Palästinensern als antisemitische Aktionen interpretiert werden könnten. Aber die Menschenrechte? Warum soll man sie vergessen? Kann man sie nicht mehr schützen? Ist es beschämend was in der Welt passiert im Namen bzw. trotz der Menschenrechte? Und nicht nur in den Ländern der Dritten Welt, sondern auch von den Beschützern der Demokratie und der Menschenrechte.

 

           Am 18. Dezember ist der „Internationale Tag der Migranten“. Seit 2000 hat die UNO diesen Tag ausgerufen. Und ich mache mir Gedanken, wie der Tag gefeiert werden darf? Soll über die Gründe der Migration (Studium, Arbeit, Flucht,…) gedacht werden, mit der Hoffnung diese Gründe zu beseitigen und die Migration zu stoppen? Oder sollen wir über die Notwendigkeit der Migration, Völkerwanderung und deren Bereicherung sprechen, deshalb die Migration schätzen und den Migranten loben? Oder sollen wir über die gegenseitigen Gefahren/Vertrauen zwischen Mehrheits- und Minderheitsgesellschaft diskutieren?

Falls ich bis zum 18.12. die Antwort nicht finde, dann habe ich am 17.1.2010 die Gelegenheit, da ist der „Welttag der Migranten und Flüchtlinge“. Der Tag wird immer am 3. Sonntag des Jahres gedacht. 1914 hat Papst Benedikt XV. diesen Tag eingeführt.

 

            Diese Gedanken drängen sich bei mir jährlich, wenn in Deutschland den 6. Dezember der Nikolaustag gefeiert wird. Ein Tag mit zwei Formen: In der Öffentlichkeit werden die Schokoladenfiguren massenweise verzehrt. An der Kasse bei der Tankstelle, in der Arbeit, im Flugzeug, im Kindergarten,… werden Nikoläuse verschenkt. In Gesprächskreisen spricht man über die Wohltätigkeit des türkischstämmigen St. Nikolaus.  Ich frage mich, was bleibt von der Wohltätigkeit dieses Tages? Wäre es möglich, diesen Tag als Tag der Wohltätigkeit zu ernennen, dann hätten die Migranten Elemente der Integration gefunden.

Wäre es möglich, dass so ein Tag die erwünschte Integration fördert?

Wäre es möglich, dass Teile der Muslime an diesem Tag wie beim „Fastenbrechenfest“ an die Armen der Bevölkerung spenden?

 

            Bald kommt der Weihnachtsmann. Viele verwechseln beide Personen miteinander!

Ich erinnere mich an einen Anruf des Jahres 1988. Ich bekam einen Anruf aus Norddeutschland. Ein zuständiger Beamter für die Genehmigung von Kindergärten war an der Leitung. Er fragte mich, ob im anerkannten islamischen Kindergarten in München Weihnachten gefeiert würde. Die Frage war für mich sehr verdächtig. Ich antwortete mit einer Gegenfrage:  „Und was wird an Weihnachten gefeiert?“ Ich war über seine Antwort schockiert: „Die Feierlichkeiten im Dezember mit dem Weihnachtsbaum!“ Wie bitte?!

„Was wird an diesem Tag gefeiert?“ wollte ich von ihm wissen.

Seine Antwort hatte mich schockiert: „Das weiß ich nicht, ich rufe Sie in 10 Minuten an“.

 

            Der Beamte hatte sich erkundigt: „Es ist die Feier zum Anlass der Geburt Jesus.“

Aha! war meine Antwort. Im Kindergarten lernen die Kinder die Geschichten von ein paar Propheten, darunter von Jesus und von den begleitenden Wundern. Die Interpretation meines Gesprächsteilnehmers war amüsant: „Dann feiern Sie auch Weihnachten!“

 Ich habe ihn aufgeklärt: „Nein! Weihnachten feiern wir nicht, keine Bäume und keine Geschenke!“ Noch amüsanter war seine Reaktion: „Das ist nicht wichtig. Es reicht für mich, dass im islamischen Kindergarten über Jesus erzählt wird.“ Und so konnte der Beamte den Kindergarten genehmigen.

           

Auch die Muslime und die Migranten wünschen sich eine Normalisierung ihres Lebens in der Gesellschaft. Man ist bereit auf Teile der Tradition zu verzichten zu Gunsten der Integration.

Diese Bereitschaft hatten Teile der Politik zum Anlass genommen, über die „Leitkultur“ zu diskutieren. Aber kann eine Mehrheit ihren Anteil zur Integration erfüllen, wenn sie nicht über ihre Feiertage und deren Hintergründe Bescheid weiß.

Und wenn die deutsche Gesellschaft den Sinn dieser Jahrestage nicht vordergründig untersucht, ist es zu erwarten, dass die Migranten dies tun? Wir merken, dass die Absolventen der Integrationskurse „mehr“ über Deutschland wissen werden als der Durchschnitts-Deutsche. Wird auch der Tag kommen, dass die Muslime mehr über Weihnachten, Ostern, Pfingsten, Gründonnerstag, Aschermittwoch wissen als ihre deutschstämmigen Mitbürger?

 

            Sind diese Kenntnisse auf beiden Seiten erwünscht? Wünschen die Muslime diese Kenntnisse über die Religion, Tradition und die Kultur der Mehrheit?

            Wünschen sich die Deutschen, dass die Muslime diese Informationen bekommen? Oder fürchtet man dabei, dass diese Jahrestage bewusster erlebt werden und dass die Religion dabei in die Mitte der Gesellschaft rücken wird.

Dann werden weniger Schokoladen-Figuren gekauft, aber dafür mehr gespendet für die Armen und Bedürftigen der Gesellschaft und der Menschheit.

            Und was wird, wenn Muslime über die Geburt Jesus und seine Wunder sprechen? Werden mehr Krippen als Weihnachtsbäume gesehen und die Umwelt würde davon profitieren? Würde auch über seinen Geburtsort Bethlehem gesprochen?

So nah an den ´Welttag der Solidarität mit dem palästinensischen Volk´.

Was würden Deutsche und Migranten mit diesen beiden Anlässen kombinieren?

Mehr Veranstaltungen und Projekte für Palästina vielleicht?

            Und wenn die Muslime erfahren, dass Aschermittwoch nicht die Beendigung der maskierten Tage ist, sondern der Anfang der Fastenzeit. Würden die Muslime ihre christlichen Nachbarn und Freunde zum Fasten beglückwünschen, wie die Muslime dies untereinander tun? Werden dann die Kirchen die Nachbarnmoscheen zum Fastenbrechen einladen?  Wäre das nicht eine gelungene Doppelt-Integration? Einerseits die Integration der Migranten im Leben der Mehrheit und andererseits die Integration der Gesellschaft in ihrer eigenen christlichen Religion.

            Wie viele der Muslime genießen die Adventzeit und finden dabei Gemeinsamkeiten. Vier Sonntage vor Weihnachten wird die „Ankunft“ des Erlösers und unserer Empfang vorbereitet. Warten nicht auch die Muslime auf die Rückkehr Jesus? Soll der Advent nicht so verstanden und interpretiert werden? Wie wird diese Zeit an den Fußgängerzonen aussehen? Weitere Weihnachtsmärkte und Glühwein? Oder mehr Besinnung?

Soll nicht der wiederkehrende Jesus mehr gefeiert werden? Warum werden seine Lehren nicht mehr praktiziert?

            Wird seine Mutter, die Jungfrau Maria nicht von allen verehrt?

Der italienische Justizminister respektiert die heilige Maria und verehrt sie in ihrer Ganzheit. Deshalb lehnte er es ab, das Kopftuchverbot für die muslimischen Frauen durchzusetzen.

Denn wer das Kopftuch der muslimischen Frauen runterreißt, reißt auch das von der heiligen Maria.

Meine Frage, was heißt hier Integration? Akzeptanz oder Anpassung des Anderen?

Aufgabe des Eigenen oder Ablehnung des Anderen?

Hoffentlich hilft uns Allen, in der Besinnungszeit eine ehrliche Antwort zu finden.

 

            Finden wir einen „Tag der Integration“?

            Vielleicht der 6.12. oder der 18.12.?

            Oder am 1. Ramadan oder am Fastenbrechenfest?

           

Muslime können sich hervorragend in eine christliche Gesellschaft integrieren! Und überzeugte Christen werden praktizierende Muslime niemals als Bedrohung empfinden, weder ihre Moscheen, noch ihre Kopftücher und auch nicht ihre Minarette.

 

Wassalam

Euer Ahmad Al-Khalifa

 

 

erschienen am 14.1.2010 

 

 

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