Geschichte Nr.11:
KINDER ALS OPFER!
Ich weiß selber, dass der Titel vielen Personen nicht gefällt. Die Geschichte dieser Familie begleitet mich seit Jahren. Erfolglos versuche ich sie zu verdrängen. Nähere ich mich „manchmal“ zu dem gemütlichen Vergessen, dann bekomme ich einen Anruf oder ich führe ein Gespräch am Rande einer Tagung,… dann erinnere ich mich wieder an diese Familie. Wie die Familie oder die Kinder heißen? Das ist nicht das Problem.
Ich möchte allen meinen Lesern versichern, dass diese und die anderen Geschichten wahr sind, auch wenn sie ungewöhnlich klingen. Der Grund meiner Erzählungen ist dies, dass jeder von uns solche Momente in seinem Leben begegnet, ohne zu merken, wie viel Lektionen darin sind und ob er davon lernen kann oder eventuell helfen könnte. Und weil diese Geschichten tagtäglich vorkommen, möchte ich mich vorab bei allen Lesern, die Ähnlichkeiten und Parallelen entdecken, entschuldigen. Namen von Personen, Städte, Länder und das Datum umgehe ich bewusst. Schauen wir um uns herum, dann finden wir bestimmt etliche Fälle nach diesem Muster.
Mein Fall fängt mit einem Telefonat einer Schwester an. Wenn die Anrufer von weiter als 50 Km Umkreis stammen, dann frage ich mich, woher sie meine Nummer haben. Die Antwort ist eine Geschichte für sich. Ich frage in der Regel nie am Anfang des Kontaktes nach Name oder Stadt. Auch die e-mail-adressen beweisen Kreativitätsvermögen:
`Prinzessin´, ´Sultan´, ´Provokateur´, auch ´mimi007´ und ´012345´ sind darunter.
Die E-Mails schreiben meist um das Problem herum: Etwa drei bis vier Sätze Rede ohne Inhalt. Dann über den Leidensdruck der Person. Die Sätze geben wichtige Informationen über Gefühle der Person. Wie emotional? Wie sachlich? Braucht sie/er mehr Lob/Anerkennung? Oder hilft man lieber beim Aufbau des Selbstwertgefühls?,… usw.
Bis die Person über ihre eigene Erwartungen spricht oder bis sie ihr Problem definiert, brauchen wir noch viel längere Zeit. Das könnte Wochen dauern und könnte ein Treffen bzw. eine Reise beanspruchen.
Ja, vor allem wenn jemand meint, in der Rolle des Opfers zu sein und fest davon überzeugt ist: „Meine Familie sei der Täter und nur der Tod wäre die Lösung“. Dieser Satz ließ mir keine Ruhe. Das Interessante ist nicht nur der Zustand heute, sondern wie Familien bzw. Personen sich innerhalb von Jahren ganz massiv geändert haben. Und so war es bzw. ist es mit unserer Familie heute.
Ein Anruf wegen einer Fatwa war der Anlass meiner heutigen Geschichte.
Vor dem Freitagsgebet rief mich eine junge Dame an und wollte wissen, ob die Ehe einer muslimischen Frau mit einem nichtmuslimischen Mann erlaubt sei. Und weil die Stimme „ausländisch“ klang, habe ich nachgefragt, ob es einen aktuellen Anlass für die Frage gäbe oder braucht sie die Antwort für ein Schulreferat oder einer akademischen Studie?
Nein, es ginge um eine muslimische Freundin, auch ich bin Muslima, war die Antwort. Ich musste schmunzeln und die Antwort annehmen, ob ich daran glaubte oder nicht. Meine zweite Frage habe ich der „Freundin“ gestellt, ob sie selber der Meinung sei, ob so eine Ehe einerseits erlaubt, andererseits ob sie erfolgversprechend wäre.
Die Dame habe sich erkundigt und mir versichert, dass so eine Konstellation mehr Probleme mit sich bringe. Ich habe die Dame gebeten, mich nach dem Gebet anzurufen, damit wir für ihre „Freundin“ eine Lösung suchen. Und sie hat es getan!
Mit so einem Schritt wollte ich sicher gehen, dass das Thema aktuell und brisant ist. Auch dass eine Lösung gesucht wird und dass ein gewisses Vertrauen zwischen uns sich aufgebaut hat. Diese sind wichtige Grundmaterialien für mein Handwerk.
Es geht im Gespräch um einen Vater, der aus einem Kriegsgebiet stammt. Er ließ seine Frau mit 2 kleinen Kindern beim Schwager zurück und reiste vor über 10 Jahren nach Deutschland ein. Seine starke Ehefrau übernimmt das Familienruder und führte das Schiff der Familie in das wellenreiche gesellschaftliche Meer. Nach ein paar Jahren war die ersehnte Nachricht mit der Erlösung, die Frau und die Kinder dürfen nach Deutschland einreisen. Wohnung, Einkommen und Krankenversorgung waren gesichert. Ja! Es waren drei wichtige Elemente für das Glück der Familie. Der jüngste Sohn war krank und brauchte viel Pflege. Zum ersten Mal konnte die Tochter ein eigenes Zimmer beanspruchen. Und die Krankenversorgung hat nicht nur den Sohn geholfen, sondern auch der Mutter. Die Jahre ohne Ehemann mit den beiden Kindern sind nicht spurlos an ihr vergangen.
Das Glück der Familie ging weiter: Die Tochter besuchte die Schule in Deutschland, beherrscht die deutsche Sprache, wird später eingebürgert, bekommt ein gut bezahlten Job. Alhamdulillah. Und noch ein Schwesterchen kam hinterher.
Aber das Glück kann nicht immer bleiben. Und der Vater der seine Familie vor dem Krieg der Waffen und Soldaten retten konnte, kapituliert beim Alkohol und beim Geldspiel.
يسألونك عن الخمر والميسر قل فيهما إثم كبير ومنافع للناس، وإثمهما أكبر من نفعهما. (2:219)
*Sie fragen dich nach berauschendem Trunk und Glücksspiel. Sag: In ihnen (beiden) liegt große Sünde und Nutzen für die Menschen. Aber die Sünde in ihnen (beiden) ist größer als ihr Nutzen.*
Tag für Tag entfremdet er sich von der Religion und von der Tradition. Und was die Tochter verdient landet mit dem Rest des Einkommens auf dem grünen Poker-Tisch.
Leider kommt das Unglück nicht allein. Wo der Damm von haram(Verboteten) gebrochen wird, entsteht eine Lücke für eine Überflutung von mehr. Jetzt kommt noch eine Frau ins Spiel. Nein! Keine Europäerin, sondern aus seiner Heimat. Sie ist jünger als seine Frau und hat keine schweren Verantwortungen übernommen. Die Gefühle und die Sympathie haben ausgereicht, dass beide einen Imam gefunden haben, der sie traute. Ein gemeinsames Haus für die gesamte Familie war geplant.
Die erste Frau verlässt mit den kleinen Kindern die Stadt Richtung Süden und die ältere Tochter findet nach Kurzem eine Arbeit in der Nähe der Mutter. Plötzlich übernimmt das 21-jähriges Mädchen mehrfache Verantwortungen in der Familie: Sie versucht unter den Eltern zu schlichten und pendelt zwischen den zwei Städten hin und her; sie ist die Ernährerin der Mutter und den beiden Geschwistern, da der Vater kein Unterhalt zahlt; sie ist auch die ältere Schwester und der Ersatz-Vater; sie ist die brave Tochter und der Ersatz-Partner; sie ist die Schuldige im Augen des Vaters, da mit ihrem Geld sie die Entscheidung der Mutter erleichtert hat; und nicht zuletzt ist sie die Verräterin im Augen der Mutter, da sie immer noch Kontakte zu dem Vater pflegt.
Kurz gesagt: Sie ist alles in Einem: „Engeln, Menschen und Teufel“ hat sie verkörpert. Aber eine aufblühende attraktive Dame hat niemand in der Familie in ihr gesehen. Nur ein Schulkamerad aus der Heimat gab ihr die Bestätigung, die sie vermisst hatte. Und das junge Herz öffnete dich! Leider ist der junge Mann kein Moslem! Und wieder passierte leider etwas harames(Verbotenes). Viele Tränen am Telefon bewiesen, wie die Dame leidet und reuig ist. Sie suchte den Rückweg, aber wohin?
Am nächsten Tag bin ich zu ihr gereist und habe mit ihr ausführlicher besprochen. Zwei Termine haben wir vereinbart, einmal mit dem jungen Mann und einmal mit der Mutter, bevor wir später mit dem Vater reden sollten.
Es kam nur zum Treffen mit dem jungen Mann, der gezeigt hat, dass er die Dame braucht, aber nicht in der Lage (auch religiös) ist, sie zu heiraten. Kein Millimeter Bewegung in Richtung Verständnis zu ihren Bedürfnissen, Moslem zu werden. Danach durfte ich nur noch einen einzigen Vorschlag machen: Die „falsche“ Beziehung sofort zu beenden. Eine Korrektur bzw. eine Flick-Arbeit war überhaupt nicht möglich. Und trotzdem wollte ich mich mit der Mutter treffen, um die Beziehung mit der Tochter zu verbessern. Das Problem im Leben des Mädchens hat nicht in der Schule bzw. mit dem Jungen angefangen, sondern die Wurzeln sind in der Familie, und dort sollen sie behandelt werden. Termine dafür und für eine weitere Sitzung mit dem Jungen Mann wurden vereinbart. Drei Tage später habe ich eine SMS mit einer beruhigende Nachricht erhalten: Die Beziehung ist beendet, kein Bedarf zum Treffen.
Zu welchem Treffen? Fragte ich mich?
Den Jungen zu treffen ist aussichtslos, das habe ich schon gemerkt. Er lebt gerne in seiner religiösen Kultur und Tradition. Mehr nicht. Er hätte seine Mutter geärgert mit einem Übertritt zum Islam und seine Schwester hätte kein Verständnis dafür gehabt. Das ist für ihn ein hoher Preis. Vielleicht irgendwann würde er die Kraft haben, sich an der Seite seiner zukünftigen Frau zu stellen. Diese Aussage ist viel zu schwach, und ich freue mich, dass die Dame das direkt von ihm gehört hat und die Beziehung beendet hat. Alhamdulillah!
Aber die Dame als Opfer der Familie und als Täterin gegen ihr eigenes Glück verdiente von mir noch einen weiteren Einsatz. Drei Wochen Ruhe von mir hatte ich geplant. Ich war am Bahnhof und ein Termin wurde kurzfristig abgesagt, so dass ich über 6 Stunden Zeit hatte bis zur nächsten Weiterreise. Ich habe sie angerufen und ihr angeboten, falls sie Zeit und Lust hat, könnte sie mir Gesellschaft leisten und sich bei mir revanchieren, für meine über 2.600 km Reisewege ihretwegen. Natürlich habe ich mein Verständnis gezeigt, falls sie keine Zeit hätte oder bei ihrem Vater (über 400 Km Entfernung) wäre. Damit wollte ich nur überprüfen: wenn sie kommt, dann braucht sie mich weiter oder sie ist sehr höflich. Und sie hat mich getroffen. Und sie hat zugegeben, sie hatte sich im Stillen gewünscht, dass ich mich melde. Und sie fing an zu weinen. Zwischendurch erklärte sie, das wäre das erste Mal in ihrem Leben, dass sie es versteht, wofür Väter wichtig wären. So eine Position, einen Vater zu haben und eine Tochter zu sein, ist für sie fremd. Und was habe ich geantwortet? Natürlich wie wenige es von mir erwarten, mitgeweint!
Ich habe der Dame angeboten, mich so zu nennen, wie sie es wünscht: Ahmed, Herr Khalifa, Onkel, Onkel Ahmed, Papa, …usw. und andere Namen, die ich nicht schriftlich verrate. Und sie wollte mich als „Onkel Ahmed“ haben. Und so gewinne ich noch eine neue Nichte. Wie viele Nichten habe ich? Das weiß ich selber nicht. Volle Familien-Nichten sind nur 10. Halbe-Nichten (Töchter von Vettern oder Cousinen) sind über 30. Ähnliche Nichten (wo ich mich mit den Eltern über die Jahre verbrüdert habe) sind noch über 40 (Diese Zahl habe ich mehrmals korrigiert und darf noch höher liegen). Aber diese meine Nichte ist mir eine Besondere. Die habe ich mir selber verdient.
Nach der Begrüßung mit den formellen Fragen „Wie geht’s dir?“, „Etwas Neues?“, „Auch bei deinen Eltern?“ und „In der Arbeit?“ und ihre höflichen formellen Antworten kamen wir zum eigentlichen Thema.
Die Beziehung sei „endlich“ beendet. Schmerzen der Trennung minimierten sich, seitdem kann sie ohne Schuldgefühle schlafen und sie kann sich ehrlicher in den Spiegel schauen. Seitdem verbesserte sich auch die Beziehung zur Mutter, die von der Bekanntschaft unterrichtet wurde. Ich habe meine Teilnahme an einer Tagung für zwei Tage in ihrer Stadt zugesagt, mit der Hoffnung mehr Zeit für meine Nichte zu haben und endlich mit der Mutter sprechen zu dürfen.
Bei dieser Nichte hat der Vater seine Kontakte abgebrochen. Er ist nicht der einzige Vater, der den Kontakt mit der Tochter abbricht. Ein anderer Vater spricht mit seiner Tochter seit 8 Jahren nicht, weil sie einen Mann geheiratet hat, der vom Vater vorher viel gelobt wurde, aber er stammt nicht aus der gleichen Ur-Heimat. Wo es solche Familien gibt? Ja, unter uns! Auch bald werde ich diesen Vater erzählen, dass ich sein Geheimnis seit über einem Jahr kenne, mit der Hoffnung, dass er endlich seine Enkelkinder umarmt und einen Kuss schenkt. Das wäre mein Erfolg für Allah.
Wassalam
Onkel Ahmad
erschienen am 31.12.2009
