Geschichte Nr.8:
WAS? SIE SAGEN SO WAS?
Eine interessante Geschichte hat sich bei mir vor über 31 Jahren ereignet, die ich nie vergessen habe. Paar Lektionen habe ich damals bekommen, die mich bis heute begleiten. Das war damals im Fastenmonat Ramadan des Jahres 1978. Noch jung und scheu, aber voller Hoffnung und aktiv. Mit der Zeit sind ständig Änderungen bei mir passiert, wo das Alter fortschreitet, aber die Aktivitäten zurückschreiten. Andererseits schrumpft die Scheue bei mir, aber die Hoffnung und das Vertrauen werden stärker.
Ich vermute, dass viele Änderungen bei mir mit dieser Geschichte angefangen haben. Diejenigen, die mich immer nach meinem Lebensweg gefragt haben, bekommen heute einen Schlüssel dafür:
Es war eine Zeit, wo die Studenten und Doktoranden der Universität keinen Platz zum Beten hatten. Es war jeden frei, am Freitag seine Pflichten zu verrichten. Die meisten haben das Freitagsgebet in ein Mittagsgebet umgewandelt, andere fuhren zur nächstmöglichen Gebetsstätte über eine Stunde mit zweimaligem Umsteigen. Bis ein muslimischer Student verstarb und alle wurden wachgerüttelt.
Die Fragen nach dem Sinn des Lebens und nach den Verpflichtungen suchten Antworten. Durch den Tod wurde die Geburt der Nationalvereine modern. Und weil National- und Religionsgefühle nah beieinander sind, konnten diese Vereine sich für die Suche nach einem geeigneten Raum zum Beten einsetzten, auch im Ramadan und Festprogramme für die Studenten anbieten, was die Universität begrüßte und finanziell unterstützte.
Drei interessante Geschichten kann ich bis heute nicht vergessen. Die Geschichten ereigneten sich im Akademischen Ausländeramt (AAA) (So hieß das Büro für uns Ausländer in der Uni, neben das Studentensekretariat).
Erste Geschichte: Unter der alten Mensa gab es damals einen „Ausländer Klubraum“, wo man zur Mittagszeit neben Tee und Kaffe auch kleine Snacks bekommen konnte. Auch Schachspiele und Backgammon waren vorhanden. Diskussionen über Studium und Heimat waren an der Tagesordnung. Neben diesem Raum gab es unter der Treppe eine Tischtennisplatte. Mit dem Leiter des AAA haben wir vereinbart, am Freitag den Platz fürs Gebet zu nutzen. Wir wollten nur die Genehmigung haben, einen Teppich zu kaufen und in der Ecke zu deponieren.
Die erste Reaktion war erstaunlich. Die Universität akzeptierte diese Nutzung und war bereit, 50% der Teppichkosten zu übernehmen. Einen Termin zum Kauf der Teppiche wurde vereinbart und ich sollte mit einem Mitarbeiter am Freitagabend fahren. Er wollte einen persischen Teppich!!
Ihr habt richtig gelesen. Der Mitarbeiter wollte 24-qm persischen Teppich kaufen. Für mich war das eine Verschwendung, zu teuer und zu unsicher (könnte geklaut werden). Und ich bestand darauf, einfachen Teppichboden zu kaufen, die man als Rolle schwer entwenden kann.
Am darauf kommenden Montag habe ich mich für das vereinbarte Treffen mit dem Leiter des AAA vorbereitet. Ich wollte mich für die 50% der Unkosten bedanken und klären, wie wir unseren Anteil bezahlen sollten.
Zu meinem Erstaunen habe ich gemerkt, dass er sich bei mir bedankt. Warum denn, fragte ich mich! Seine Antwort kam von alleine, weil ich erstens beim Kaufen dabei war. Und sei die Sache der Universität für Ihr Inventar zu sorgen und ich habe der Uni dabei ehrenamtlich geholfen. Der zweite Grund war noch erstaunlicher, weil ich den teuren persischen Teppich abgelehnt habe und auf das Geld der Uni geachtet habe. Es stimmt! Meine Sorge war der Teppich und seine Entwendungsmöglichkeit und der Teppich gehörte zum Inventar der Uni, d.h. ich habe mich um das Inventar gesorgt. Und Dankesbeweis hat der Leiter des AAA entschieden, die Uni übernimmt die gesamten Kosten der Teppiche und wir wurden davon befreit.
Ein Jahr später haben wir die Alte Mensa einmal im Monat für den Deutsch-Islamischen-Dialog verwendet. Auf drei Etagen wurde das Treffen veranstaltet: Jugendgruppe 1.OG, Elterngruppe EG und Kindergruppe UG (Gebetsteppich). Muslime haben Süßigkeiten und Tee mitgebracht, Deutsche haben Kuchen und Kaffe mitgebracht. Kaffemaschinen und Wasserkocher waren im Einsatz und tolle Gefühle der Zusammengehörigkeit hatten sich entwickelt.
Zweite Geschichte: In diesem Rahmen hatten wir im Ramadan am Samstag ein Tagesprogramm für die Familien vorbereitet: Fußballspiel am Mittag in der Sporthalle der Uni, danach zu Hause Familie abholen, Koran-Stunde, gemeinsames Abendessen (Iftar) mit dem Hausmeister, Gäste der Verwaltung, Nichtmuslime, Freunde.
Neben orientalischem Essen und Getränke ein bunter Abend, nach dem Nachtgebet war die Zeit für den Fahrdienst (3-4 Autos für über 20 Familien). Für das Essen wurde am Freitag groß eingekauft, die Zutaten wurden auf die Familien zum Kochen verteilt. Tolle Gefühle, tolle Gerichte von verschiedenen Nationalitäten. Und die Uni hatte 60-80% der Kosten des Einkaufens übernommen.
Bei der Vereinbarung zwischen dem Verein und dem AAA hatten wir den Wunsch geäußert, dass der Uni-Präsident oder der Uni-Kanzler oder mindestens der Leiter des AAA beim Iftar anwesend sein möchte. Das wird die Studenten sehr gut motivieren. Der Leiter des AAA hat dankend die Einladung angenommen und versprochen, die Einladung weiter zu leiten. Mehr hatten wir uns damals nicht erhofft. Weder der Präsident noch der Kanzler ist erschienen und später haben wir erfahren, so eine Einladung sei unhöflich, wir hätten beide besuchen und persönlich einladen sollen. Aber für unsere Vorstellung waren solche Ämter unerreichbar. Beim ersten Samstag kam niemand und am Montag sollten wir den Schlüssel der benutzten Räume zurückgeben und die Abrechnung der Unkosten einreichen.
Dann habe ich dem Leiter erzählt, wie die Studenten erwartungsvoll auf seinem Besuch gestern gewartet haben und wir uns wünschen, ihn nächste Woche begrüßen zu dürfen. Seine Antwort war für mich ein Schock:
Er sagte: „Ja, ich bin bereit zu kommen, vorausgesetzt es wird KEIN Alkohol getrunken“.
Was? Wie denn? Wir sind Muslime und wir feiern Ramadan, wir fasten den ganzen Tag und sie sprechen von Alkohol, was ganz verboten ist, stotterte ich.
Der Leiter des AAA lächelte mir zu und klärte mich auf, dass vor etwa 3 Jahren auch eine Gruppe muslimischer Studenten ein Empfangsfest für neue Studierende veranstaltet haben, auch mit Kostenübernahme der Uni. Bei der Abrechnung war mehr Alkohol gekauft worden als bei den deutschen Kommilitonen zu verzeichnen war. Ich habe mich nachträglich für diese Personen geschämt, Schweißausbruch und mehr Stottern war das Ergebnis dieser kalten Dusche. Seitdem haben wir uns nicht nur mit dem Kassenbon begnügt, sondern dazu eine Quittung erstellen lassen, worauf stand, dass unsere Einkäufe keinen Alkohol enthielten.
Ich vermute, dass die Veranstalter von damals sich tolerant zeigen wollten und für ihre europäischen Gäste Alkohol gekauft haben. Aber die Reaktion 3 Jahre später durch den Leiter des AAA war mehr Verachtung als Respekt. Wer bereit ist, sich, seine Kultur und seine Religion aufzugeben, ist auch bereit sein Gastland und die Gesetze zu verraten. In diesem Sinne war die Warnung des Leiters des AAA zu verstehen. Diese Form von Assimilation hatte der Mann als bedrohlich eingestuft.
Dritte Geschichte: Bei einer späteren Abrechnung war der Leiter des AAA nicht anwesend und die Sekretärin hat mich vertröstet, ich könnte in einer Stunde wieder kommen, Doch auch nach einer Stunde und einer weiteren habe ich ihn nicht gefunden. Und weil es das erste Mal für mich war, wo ich verärgert war (nach fast 30 Monate Aufenthalt in Deutschland), wollte ich mein Protest zeigen. Aber wie? Im Goethe-Institut und im Sprachkurs der Uni anschließend hatten wir solche Situationen nicht gelernt.
Dann habe ich wie ein Papagei ein Wort wiederholt, was ich von anderen Studenten als Zeichen des Protestes gehört hatte. Das Wort fängt mit „Sch…“ an, wie Schule aber darf keine Schule machen. Die Reaktion der Sekretärin war für mich ein Schlag ins Gesicht!
Die Dame drehte sich zu mir um und fragte mich überrascht:
„Wie bitte, was haben SIE gesagt? SIE sagen so was?!“
In diesem Moment spürte ich wie schlimm das Wort war. Es war als ob der Boden unter meinen Füßen versinken würde, mir wurde schwindelig!
Ich gab zu Antwort, es sei schlimm 3-4 Mal für eine Abrechnung zu kommen, dafür habe ich fast den ganzen Vormittag verbracht. Dann war das Lächeln der erfahrenen Dame. Sie nahm meine Telefonnummer im Büro auf und versprach mir, mich anzurufen, wenn der Chef zurückkämme. Tolle Lösung!
Ich renne schnell zu meinen Wörterbüchern. Im ersten deutsch-arabischen Wörterbuch suche ich dieses Wort des Protestes,… und NEIN! So schlimm war das Wort?
Das zweite Wörterbuch hatte das Wort nicht in seiner Sammlung gehabt. Dann weiter deutsch-deutsch, weniger verstanden. Und deutsch-englisch kommt die Bestätigung. Und deutsch-französisch wieder eine Bestätigung. Und ich wusste nicht, wie ich der Sekretärin wieder begegnen konnte! Eine Tüte mit meinen Wörterbüchern und eine Tafel Schokolade und die Erklärung, dass ich erst heute verstanden habe, was ich seit Monaten ab und zu höre. Ein Lächeln und eine nette Antwort:
„Das habe ich mir auch gedacht, dass SIE so was nicht sagen!“
Wie viele Erfahrungen diese Dame mit den ausländischen Studierenden hatte, kann ich nicht beschreiben. Sie hatte ein Netzwerk aufgebaut und konnte erfahrene Studenten zum Übersetzen für deren Landsleute holen. Für die arabischen Studenten war ich einer von 3-4 ehrenamtlichen Helfern. So lernte ich die kulturellen Unterschiede, was mir bis heute eine große Hilfe ist.
So war das Bild der Muslime vor 30-Jahren. Wie ist das Bild in den Universitäten heute?
Ohne Vergleiche mit anderen Ländern, auch in der Heimat, möchte ich meine Erinnerungen genießen und hier abschließen.
Wassalam
Euer Ahmad Al-Khalifa
erschienen am 8.12.2009
