Geschichte Nr.3:
SCHRECK IM TUNNEL
Neulich fragte mich der Imam, warum ich neuerdings so viele Lücken im Gedächtnis habe? Die Antwort ist, dass ich seit der Zugentgleisung bei Fulda am 26.4.2008 unter Gedächtnis- und Konzentrationsschwäche leide.
Die ärztliche Therapie hat geholfen, Allhamdulillah, aber das Leiden ist noch merkbar da. An jenem Tag war ich unterwegs von Wolfsburg über Hannover nach München. Gerne wollte ich rechtszeitig wie die Ostern-Messe der ägyptischen Koptischen Kirche und der Griechisch-Orthodoxen Kirche in München erreichen und meine christlichen Freunde zu deren Fest beglückwünschen. Mit anderen muslimischen Freunden hatten wir uns verabredet, als Delegation die Route zu schaffen.
Plötzlich war die Zug-Entgleisung. Ich bin ich Gott (Allah) dankbar, dass Er uns Reisenden ein längeres Leben geschenkt hat. Es scheint so, dass jeder der damaligen Reisenden noch VIELES vor sich zu erledigen hatte und er sollte diese Aufgaben entdecken und erledigen.
Was ganz interessant war, sind die Menschenerlebnisse, die ich in diesem schwierigen Moment gewonnen habe. Ganz einfach, ich hatte damals gemerkt, dass die Reisenden nicht gleich sind, sondern sie repräsentieren viele Menschengruppierungen.
Aber bevor ich über die Fahrgäste was sage, möchte ich ein großes Lob schenken, an die Personen, die durch ihren Einsatz an jenem Tage schlimmeres verhindert haben:
· Zuerst die Sicherheitstechniker der Bahn. Als sich der Unfall ereignete, sprangen mir vor Augen die Bilder von Eschede. Ich erwartete, dass der Waggon sich quer stellte und die restlichen Waggons sich reinkeilten. Gott (Allah) sei Dank ist dies nicht passiert. Später erfuhr ich, dass nach Eschede die Sicherheitsmaßnahmen verbessert wurden, so dass die Waggons sich nicht mehr quer stellen können, was viel Leben gerettet hat. Vielleicht dadurch auch mein eigenes Leben, da unser Waggon hinter dem Speisewagen am meisten demoliert wurde.
· Auch die Rettungsaktion war fast perfekt abgestimmt. In Minuten waren die Rettungs- und Feuerwehrwagen am Ort. Die Verletzten wurden aufgerufen sich zu melden. Jeder wurde gefragt, was ihm fehle, Sauerstoffmasken wurden verteilt, Jeder wurde registriert, Tafeln mit Namen und Beschwerden um den Hals umgehängt, die Verletzten wurden durch farbige Streifen auf den Tafeln kategorisiert.
· Ein roter Zug rollte langsam zur Stelle, innerhalb weniger Minuten wurde eine Rampe hergerichtet und die Verletzten wurden für die ´Erste Hilfe Maßnahmen´ in den Zug transportiert.
· Zum Schluss wurden die 4 Schwerverletzten ins Krankenhaus geliefert. Und ich war einer von ihnen. Im Krankenhaus wurde rumtelefoniert, um zu klären, ob wir stationär oder ambulant behandelt werden dürfen. Endlich wurde für ambulant entschieden. Die Untersuchungen wurden erst gegen 2:00 Uhr früh beendet. Wir wurden zu dieser späten Stunde nicht entlassen, sondern eine Not-Übernachtung wurde uns angeboten.
Jetzt zurück zu den tapferen Reisenden:
· Gleich nachdem der Zug zum Stillstand kam und die große Gefahr beendet war, stand ein Mitreisender auf und fragt jede Reisenden einzeln nach seinem Wohlbefinden und ob jemand Hilfe brauche. Wie der Held heißt, weißt niemand. Nur Gott! Möge Gott ihn dafür reichlich belohnen.
· Ein Reisender sammelt seine weggeflogenen Sachen. Er findet auch viele Sachen von den anderen Reisenden. Laptops, Handys, Aufladegeräte, Brillen, Papiere, Bücher, Getränke, Schokolade,… Plötzlich wie auf einem orientalischen Bazar ruft er auf, was er zu bieten hat.
· Interessant ist auch der Humorist. Er erzählt Witze über den Zustand und versucht dadurch, die Angst und die Aufregung zu dämmen. Manche Reisende waren noch im Schockzustand. Wie man in solch einem Moment noch gute Laune hat ist verwunderlich. Es hat aber den meisten geholfen, diese schwierigen Momente zu verarbeiten.
· Eine Dame sucht ihre Schuhe. Eine ältere Dame mischt sich ein und empfiehlt ihr auf die Schuhe zu verzichten und den Fluchtweg zu suchen. Plötzlich wandelt sich das Gespräch zu einer hysterischen Diskussion. Erst als der Bazar-Mann verspricht, bei der Suche zu helfen, sind alle ruhiger geworden.
· Ein Reisender macht unterwegs seine Steuerklärung. Bei der Notbremsung fliegen seine Unterlagen in die Luft und landen überall. Helfer sammeln ihm seine wichtigen Unterlagen zusammen.
· Eine Dame nimmt sich einen Hammer zur Hand und versucht ein Fenster einzuschlagen. Doch die Dame wurde aufgehalten, da es draußen vielleicht noch rauchender und staubiger als drinnen sein könnte. In diesem Moment erschien der Schaffner und eine Tür konnte entriegelt werden. Und das Fenster hat überlebt, wie wir auch.
· Beim Aussteigen aus dem Zug sollte man eine Höhe überwinden, die nicht mit großen Reisekoffern oder für ältere Personen ohne Schwierigkeiten zu schaffen ist. Drei jüngere Reisende stehen vor der Tür und halfen den Reisenden beim Aussteigen.
· Nachdem man in der Freiheit angekommen war, sah man die Ursache: Schafsteile waren auf den Schienen. Aber auf die Frage, was danach komme, konnte keiner eine Antwort geben. Die andere Frage war, wo ist der Lokführer? Später erschien er. Dann fing eine Diskussion über die Verspätung des Lockführers. Eine nüchterne Verspätung mit unterschiedlichen interessanten Wahrnehmungen:
· Die erste Wahrnehmung: Er ist ein Held; er hat sich bestimmt ein Bild über den Ausmaß der Katastrophe gemacht, hat alle Waggons vom Innen und Außen kontrolliert und als Letzter den Unfallort verlassen. Die andere Extreme: Er ist feige, könnte eine bessere klimatisierte Kabine gehabt haben, wollte sich einem sicheren Fluchtweg umschauen, nach vorne oder nach hinten.
Was wirklich war haben wir nicht erfahren! Aber seine Abwesenheit sorgte für eine interessante Diskussion unter den schockierten Reisenden.
Bewundert habe ich den Einsatz der Feuerwehr bzw. der Rettungsdienste. In Minuten war alles erledigt. Der medizinische Einsatzleiter, so stand es mit leuchtenden Buchstaben auf der Rückseite seiner Notjacke, wurde mit Respekt vom Personal behandelt. Er schrie laut, es solle Ordnung geschaffen werden. Eine Ärztin hatte ihm erklärt, was bis jetzt gemacht worden ist und fragte ihm, wo noch Ordnungsbedarf bestünde. Seine Antwort war noch interessanter als seine Forderung: „Ich weiß es nicht, aber auf jeden Fall noch MEHR Ordnung“.
Am nächsten Tag früh durfte ich das Krankenhaus verlassen und ich wollte sofort nach München zurück. Aber die Krankenschwester versuchte mich aufzuhalten, weil die Bahn AG nur die Kosten vom Sammeltaxi übernimmt und ich solle warten bis die Anderen mitfahren können. Ich war natürlich bereit, auf die Erstattung der Taxikosten zu verzichten. Dann sagte mir die Dame, dass ich sowieso noch nicht reisen dürfe, da noch wichtige Informationen der Bahn vermittelt werden müssen und der Schalter erst in einer Stunde öffnet. Inzwischen war mein Zimmerpartner, der mit der Steuererklärung, auch schon reisebereit. Wir fuhren zusammen mit dem Taxi zum Bahnhof.
Am Bahnhof waren die Mitarbeiter schon informiert. Leider keine einzige Frage über unseren Zustand. Nur, ob unsere Fahrkarte von gestern ihrer Gültigkeit verloren hat, dann wären sie bereit, diese zu verlängern. Die Verspätung war nur verwaltungstechnisch nützlich. Nach Erstattung der kaputten Geräte (Laptop, Brille und Mobile) bekam ich eine Visitenkarte mit einer Adresse und einer Telefonnummer, wo ich mich melden kann.
In München angekommen meldete ich mich noch mal verstaubt von der Entgleisung (wir dürften nicht duschen im Krankenhaus, da wir NUR ambulante Patienten sind). Auch da keine Frage nach dem Ausgang des Unfalles und weniger nach meinem Zustand. Genau wie in Fulda.
Sofort am Unfallort unter dem Tunnel hatte ich mit meiner Familie telefoniert und sie beruhigt, falls sie in den Nachrichten etwas mitbekommen würden. Auch meinen Arbeitgeber hatte ich benachrichtigt. Und mein Telefon bekam keine Ruhe in die nächsten 3-4 Monate.
Eine Psychotherapeutin aus Frankfurt hatte mich im Auftrag der Bahn angerufen und mir empfohlen, über die Ereignisse zu sprechen und falls ich niemanden hätte mit dem ich dies tun könne, dann solle ich sie anrufen. Dankend habe ich abgelehnt.
Die Flut der Anrufer war einerseits erfreulich, andererseits hatte ich keine Ruhe mehr beim Beten und Lesen.
Nach dem Anruf der Therapeutin habe ich realisiert, wie toll es ist Freunde, Geschwister und Familie zu haben. Ärzte, Feuerwehr, Rettungsdienst, Helfer,… usw. braucht man manchmal. Einen Arzt durch einen anderen zu ersetzen ist möglich. Aber Freunde, Geschwister und Familie braucht man immer! Sie sind einzigartig, egal wie viele sie sind. Keiner kann auf sie verzichten, ohne gravierenden Schaden zu erleiden. Neue zu gewinnen ist immer möglich, aber sie zu ersetzen ist nicht möglich.
Liebe Freunde, Geschwistern und Familienmitglieder:
Es ist schön, euch zu haben und ich bin stolz auf euch.
Ich bleibe euch treu, bleibt mir bitte auch treu.
Euer
Ahmad Al-Khalifa
erschienen am 3.11.2009
