Geschichte Nr.1:
DER BLEISTIFT UND ICH
Von einer deutschen Akademie habe ich eine Bitte bekommen, eine Handschrift in der Bayerischen Staatsbibliothek zu suchen und eventuell eine Kopie davon zu besorgen.
Als ich in der Handschriften- und Inkunabelabteilung (so heißt die offizielle Bezeichnung) ankam, hat mich die Bibliothekarin freundlich empfangen und gefragt, ob ich die Abteilung früher betreten habe, was ich auch bejahte. Auf ihre Wann-Frage, sagte ich vor mehr als 10 Jahren. Sie stand auf und suchte in ihren Karteikarten und in weniger als einer Minute korrigierte sie mir das Datum, ich war seit 18 Jahren nicht mehr in der Abteilung gewesen… Schande!
Mein Anliegen habe ich auch innerhalb von 15 Minuten erledigt; die Handschrift habe ich gefunden und die digitale Kopie bestellt. Innerhalb dieser Viertelstunde entdeckte ich, dass meine alte Liebe zur Abteilung nicht gerostet ist. Ich bin mehr als 3 Stunden geblieben und notierte mir ein paar Handschriften, die ich unbedingt lesen möchte. (Seitdem besuche ich meine schöne alte Abteilung, mindestens 10 Stunden/ Woche).
Ich habe nach diesen 18 Jahren Zeit etwas Tolles bemerkt. Die Bibliothek als Tempel der Wissenschaft und Geschichte wird zunehmend von jüngeren Personen besucht. Meine Abteilung wird täglich durchschnittlich von über 51 Personen besucht, früher waren es gerade mal 17 Besucher täglich.
Am ersten Tag meiner Rückkehr habe ich den Katalog der arabischen Handschriften genommen und mir eine Liste über meine Wünsche notiert. Nach einer halben Seite kam die nette Bibliothekarin in einer anderen Mission. Sie hat mir das Notieren von den Titeln der Handschriften verboten. Und ich war sehr erstaunt!
Nach einem kurzen Schweigen wurde ich aufgeklärt, dass die Benutzung vom Tintenfüller in der Abteilung untersagt ist, auch vom Kugelschreiber. Und wie der Leser sich nun vorstellt, erlaubt ist die Arbeit nur mit einem Bleistift.
In meinem Schockzustand hat mir die Dame empfohlen von der Theke im Lesesaal einen fein gespitzten Bleistift zu leihen. Im Trance habe ich die Anweisungen befolgt: den Füller in meiner Tasche zurück gesteckt, den Bleistift geholt (ich hatte keine Zeit an meinem eigenen Bleistift zu denken) und zu meinem Platz zurück gekehrt.
Warum war ich so überrascht?
Die Gründe:
Warum nicht Füller? Vielleicht hatte die Erfahrung gezeigt, dass Tinten-Tröpfchen auf ein paar Seiten entdeckt wurden, die mühselig behandelt werden müssen. Dann hat die Dame Recht gehabt.
Oder vielleicht hat ein Benutzer irgendwann eine Notiz am Rande einer Handschrift gemacht, dann hat die Dame auch Recht gehabt.
Das war ein Anlass unsere Bayerische Staatsbibliothek Mal zu loben.
Wie viel Geld wird in meiner Abteilung investiert? Fürs Personal, für die Beschaffungen, für die Restaurierungen, für die Klimatisierung der Räumlichkeiten,… usw. Hinzu kommt der unschätzbare Wert meiner Handschriften. Und so bin ich noch motivierter auf die Handschriften zu achten.
Meine Überraschung wäre aber nicht so groß, wäre nicht der zweite Grund gewesen.
Die Bibliothekarin sitzt nicht im gleichen Lesesaal mit uns, sondern in einem separaten Vorraum. Wie hat die Dame denn gewusst, dass ICH einen Tintenfüller benutze?
Als Araberstämmiger dachte ich, es wären Beobachtungskameras irgendwo versteckt oder war die Dame vielleicht in einer „normalen“ Kontrollrunde?
Beide Vorstellungen stimmten jedoch nicht. Zu meinem Erstaunen erzählte mir die Empfangsdame, dass eine Benutzerin des Saales dies gemerkt hatte und am Empfang weiter erzählte!!!
Ich habe leider nicht nach der genauen „Nachrichten-Quelle“ gefragt? Gerne hätte ich mich bei der Dame revanchiert, in dem ich mich bei ihr bedankt hätte.
Diese Unbekannte hat sich als Mitbesitzerin meiner Abteilung gefühlt und musste Handeln, dass unser gemeinsames Eigentum/Reichtum nicht beschädigt wird. Und sie hat ideal gehandelt.
Die von mir bestellte Handschrift war 312 Jahre alt. Und wie ich heute darin lese, werden unsere Nachkommen hoffentlich in den nächsten 312 Jahren die gleichen Bedürfnisse haben. Und sie sollen unsere Handschrift in einem guten Zustand finden. Die Unbekannte machte sich Sorgen, nicht nur um die wertvolle Handschrift, sondern sie hatte auch Verantwortung gegenüber den folgenden Generationen. Sie hat mich gerettet, damit ich keinen Fehler mache. Und sie hat hervorragend gehandelt.
Aufgewacht von meiner Überraschungs-Trance habe ich mich gefragt:
Besitzt du so viel Zivilcourage, fremde Personen anzusprechen, damit sie korrekt handeln? Wie hättest du vor 30 Jahren reagiert, wenn diese Geschichte sich bei dir ereignete? Auch mit einem Lob an deiner unbekannten Retterin? Es schadet der Dame nicht, dass ich sie nicht kenne, es reicht ihr, dass GOTT sie kennt und sie für ihre richtige Tat belohnen wird.
Ich bin noch tiefer in meinen Gedanken versunken, was wäre wenn jeder wie meine unbekannte Retterin handelt?
Ist das nicht was uns der Prophet -Friede auf ihm- über den lieben Gott überliefert hat:
„O meine Diener, ich habe mir die Ungerechtigkeit untersagt und sie euch auch verboten, so seid nicht ungerecht gegeneinander.“
(arab: "يا عبادي إني حرمت الظلم على نفسي وجعلته بينكم محرما، فلا تظالموا")
Allah wird nie ungerecht sein, auch wird ER keine Ungerechtigkeit bei sich zulassen, und keine Ungerechtigkeit in der Gesellschaft dulden.
Deshalb sollte jeder Ungerechtigkeiten stoppen.
Nach solcher Verantwortung in der Gesellschaft sollten wir allen streben.
Mit einem Schmunzeln habe ich mich bei meiner Retterin bedankt.
Seitdem trage ich bei mir einen Bleistift und meine Tintenfüller bzw. Kugelschreiber sind in meiner Tasche verschwunden. Warum? Bei jeder Benutzung des Bleistiftes erinnere ich mich an meine Retterin und bin ihr dankbar… Und ich schmunzele erneut.
Mein Bleistift hilft mir eine extra Freude zu spüren!
Euer Ahmad Al-Khalifa
erschienen am 20.10.2009
