
Ahmad Al-Khalifa
SPAGAT 2: Ein Leben mitMigrationshintergrund

Als Mitglied der ersten Generation habe ich tiefe Wurzeln in meiner Herkunftsheimat. Familie, Haus, Garten, Geschwister, Freunde, Schule, Spielplatz, Bazar, Strand… usw. Das alles habe ich vor mehr als drei Jahrzehnten verlassen, das hat damals wehgetan, weit weg von den Wurzeln zu gedeihen. Und ich garantiere es euch, ich habe die Momente des Abschiedes niemals vergessen. Unter uns: ich habe vor kurzem einen Klassenkameraden und alten Nachbarn getroffen, das letzte Mal war es in meiner Geburtsstadt vor fast 45 Jahren. Er ist jetzt wegen einer Operation nach Deutschland gekommen. Ich sage es euch: als ich die Nachricht bekam, habe ich mich riesig gefreut, und mich fast wie bei einer Verjüngungskur gefühlt!
Trotz all dieser Faktoren lebe ich HIER und HEUTE, sogar mit FREUDE!
Hier habe ich eine Heimat gewonnen. Hier habe ich ein Zuhause erhalten. Hier sind meine Frau, meine Kinder, meine Nachbarn, meine Freunde, meine Kameraden, mein Beruf …usw. Was ich hier habe, ist nicht weniger als das, was ich in meiner Herkunftsheimat verlassen habe. Fragen wir die Mitglieder meiner Generation, dann fühlt die Mehrheit von ihnen das Gleiche, sie haben HIER MEHR bekommen, als sie DORT verlassen haben. Und sie leben wie ich GERNE hier, in unserer NEUEN HEIMAT.
Aber leider habe ich gemerkt, dass sich kurz vor den Wahlen Parolen verbreiten, dass es schwer sei, zwischen allen Stühlen zu sitzen oder auf verschiedenen Hochzeiten zu tanzen. Technisch gesehen ist es nicht schwer, wenn man aus den beiden Stühlen eine Bank produziert, was angesichts der Globalisierung möglich und erwünscht ist. Auf zwei Hochzeiten zu tanzen ist noch leichter - wenn wir beide Ehepaare überreden, in einem größeren Saal zu feiern. Abgesehen von diesem technischen Spagat möchte ich stellvertretend für die Mehrheit meiner Migranten-Generation feststellen, dass wir seit sehr langer Zeit nur auf dem einen Stuhl in Deutschland sitzen, treu und loyal, und nur hier unsere Interessen haben. Und ich möchte euch etwas verraten: als mein alter Kamerad mich für zwei Tage besuchte, haben wir uns gar nicht verstanden, und aus der erhofften Verjüngungskur wurde das Gegenteil. Schade! Ich gestehe, ich brauche keine Verjüngungskur. Ich lebe gerne HIER und HEUTE! Beispiele einer nichtrepräsentativen Studie:
Nicht einmal 15% von den Migranten der ersten Generation weiß, wann die nächsten Wahlen in der Herkunftsheimat stattfinden werden. Im Gegensatz dazu weiß fast der doppelte Anteil, 28%, genau Bescheid, dass die kommenden Bundestagswahlen am 27.9.09 stattfinden werden.
Ob im Herkunftsland das Rauchen in den Restaurants juristisch verboten oder erlaubt ist, hat keinen von denen interessiert. Aber die Kenntnisse über die Regeln in Deutschland nähern sich der 100%-Marke.
Ob eine Erhöhung der Strafen für die Verkehrssünder in der Heimat in den letzten fünf Jahren stattgefunden hat oder nicht, wissen nur 7%, aber in Deutschland beinahe über 80%: Die anderen 20% gaben an, dass 12% wie ich kein Auto mehr besitzen, und 8% gaben an, sie waren nie Verkehrssünder. Das soll glauben, wer will…!
Die Verlagerung der Interessen der Migranten-Generationen in Richtung Deutschland lässt sich auch in verschiedenen anderen Bereichen erkennen: Geschäftsgründung, Berufsperspektiven, Hauskauf bzw. Hausbau, Investitionen, …usw.
Das alles heißt aber nicht, dass wir das Herkunftsland vergessen haben oder ihm den Rücken gekehrt haben. NEIN! Wurzeln und Vergangenheit sind DORT; aber Früchte, Gegenwart und Zukunft sind HIER. Toller Baum! Stamm und Hauptwurzel in einem Land; aber Äste, Nebenwurzeln, Früchte, Sonne und Umwelt sind alle hier. Die Rohstoffe all meiner Früchte sind gemischt, aus dem Herkunftsland sowie aus Deutschland. Dann gehört es zur Fairness, dass ich diese Früchte hier mit meiner hiesigen Gesellschaft genieße und Teile dieser Früchte an meine Familie in meine dortige Gesellschaft sende.
Personen, die das tun, haben den Wert der Heimat erkannt, der früheren wie der jetzigen Heimat. Diese Personen bringen Nutzen an jedem Ort, wo sie hinziehen, und jeder Nachbar ist stolz, sie als Nachbarn zu haben. Aber Personen, die ihre frühere Heimat vergessen, sind einerseits egoistisch und undankbar, andererseits nutzlos auch gegenüber der neuen Heimat.
Es bleibt aber ein Problem der Zugehörigkeit. Wo ist das Vaterland? HIER oder DORT?
Abgesehen von der geklärten Frage der Interessen oder des Wohnortes … usw., hilft mir wieder meine SPAGAT-Stellung. In Deutschland spricht man von einer MUTTER-Sprache, aber von einem VATER-Land. Die Mutter, die gegeben hat: neben der Muttermilch auch die Muttersprache. Dem Vater soll man aber dienen, darum ist es ein Vaterland. Dieses Phänomen der Vater/Mutter-Zugehörigkeit ist nicht in allen Sprachen gleich. Der Islam verlangt nicht nur die Ehrung der Eltern, sondern die Mutter verdient dreimal soviel Ehrung wie der Vater. Daher sprechen die östlichen Sprachen (darunter die türkische und die arabische) von der MUTTER-Sprache und gleichzeitig vom MUTTER-Land. Sogar die politische Partei ist eine MUTTER-Partei. So brauche ich keinen schweren SPAGAT zu üben: Ich gewinne in Deutschland ein Vaterland, wo ich dienen kann, und verlasse dabei nicht mein Mutterland, wo ich meine Prägung bekommen habe, darunter die Ehrlichkeit, die Treue und die Loyalität. Danke Mama (Herkunft)! Danke Papa (Pflicht)!
Um die Gehorsamkeit und Liebe zum Vater und zur Mutter zu verdeutlichen, erinnere ich mich hier an den Imam Al-Shafei. Der war ein Meister der Kompromiss-Suche. Eines Tages kam zu ihm ein Mann und berichtete: Mein Vater ist auf Geschäftsreise. Er schickte mir die Nachricht, ich solle zu ihm kommen. Als ich meine Mutter um Erlaubnis bat, verbot sie mir die Reise. - Und der hilflose Sohn suchte eine Lösung beim Imam Al-Shafei. Bei der Teilung von Zeit und Geld hatte der Imam immer Lösungen gefunden. Diesmal aber ging es nicht um Teile von Besitz (Geld bzw. Zeit), sondern es ging um das Ganze: JA (reisen) oder NEIN (bleiben)! Der Imam fand eine Lösung, und hat den Sohn beraten. - Möchtet ihr wissen, wie die Weisheit des Imams das Problem löste? Hier waren die Prinzipien, die Werte und die Familieneinstellung vorrangig, die niemand brechen darf. Er antwortete ganz leicht und ganz einfach: أطع أباك ولا تعص أمك. „Gehorche deinem Vater und widersprich deiner Mutter nicht“ Was bedeutet das im Klartext? Reisen oder Bleiben war die Frage! Die Antwort darf sich niemals einem der Werte widersetzen. Und es gehört zur Kunst des SPAGATS beim Sohn, das Problem zu lösen, ohne einen der Werte zu brechen.
So ungefähr fühlen wir uns, Kinder der ersten Migranten-Generation. Die Bedürfnisse vom Vater und von der Mutter sind nicht immer vereinbar. Und jeder von beiden fühlt sich gekränkt, wenn wir Kinder mehr Zuneigung zu einer Seite signalisieren. In diesem Moment hätten wir uns einen Imam Al-Shafei an unserer Seite gewünscht, der uns an die Werte und die Prinzipien erinnert und damit motiviert, Lösungen und Kompromisse zu suchen. Aber leider passiert öfter das Gegenteil: Seitenhiebe von der Presse, Zweifel von der Sicherheitsbehörde, Uneinigkeit der Verbände, Fehlen der gesellschaftlichen Begleitung, unglückliche Kinder, … Und in der Zeit der Wahlen werden die Schreihälse lauter: Wir passen nicht zusammen / Das Boot ist voll / Lasst die Kirche im Dorf und die Moschee in Istanbul / Kinder statt Inder / Deutsche Spielplätze für deutsche Kinder / … usw.
Aber stellt euch vor: wenn ich einen Apfel in eine Obstschale mit Bananen lege, was ändert sich dabei? Eigentlich wird sich weder der Apfel noch werden sich die Bananen ändern. Aber das Bild der Obstschale wird anders sein.
Der Apfel könnte sich unter den Bananen verstecken, und keiner bemerkt sein Dasein. Mit der Gefahr, der Apfel könnte in seinem Versteck verfaulen.
Oder der Apfel wird an den Rand der Schale gelegt und wird nur aus dieser Perspektive bemerkt, gesehen und betrachtet. Vielleicht auch teilweise bewundert.
Oder man setzt den Apfel an eine Position, in der ihn jeder sieht und jeder anerkennt, auch der Apfel gehört zur Obstschale. Irgendwann aber wird aus dem Apfel und den Bananen nach bestimmten Anteilen ein Getränk gemacht, hier denkt niemand daran, was zuerst im Mixer war. Die Mischung ist interessanter als die Reihenfolge. Es ist EIN Genuss mit ZWEI Zutaten.
Beim Trinken wünschen dann die Türken kurz und bündig „afyat-olsun“ - „Mit Gesundheit“ -, und weil bei den Deutschen das Gesundheitssystem funktioniert, ohne dafür zu beten, dann wünschen sie kurz „Zum Wohle“. Bei den Arabern hat man mehr Zeit für die Gebete, und beim Servieren wird gebetet „bil-hana-wal-schifa“ „Mit Freude und Gesundheit“.
Nennt es, wie ihr es möchtet: Integration, Assimilation, Respekt, Akzeptanz, Würde, Ehre, Menschenrechte, Gastfreundschaft, … Multikulturell oder interkulturell,… Mir ist am wichtigsten unsere gemeinsame Menschlichkeit im Dienst des Vaterlandes, des Mutterlandes und der Menschheit.
Ich möchte meinen Platz in dem gesellschaftlichen Mixer bekommen, egal wie viel Prozent, egal wer bzw. was chronologisch zuerst hinein kommt, wichtig ist nur das Servieren: „afyat olsun“, „bil-hana-wal-schifa“ oder „Zum Wohle“.
Und noch was. Ich habe ein paar Briefe, Anrufe und Mails mit der Frage bekommen, warum die Presse und die Sicherheitsbehörde das Dasein der Muslime in Deutschland nicht immer positiv sehen. Und warum die Berichterstattungen manchmal mit Vorurteilen beladen sind? Meine Erklärung hat mit dem Geschmack dieses neuen Mischgetränks zu tun. Unter den Menschen unterscheiden sich die Geschmäcker gewaltig. Um ein friedliches Zusammenleben in den Gesellschaften zu erreichen, wurden Normen, Werte und Gesetze vereinbart. In einem Rechtsstaat - wie in Deutschland – ist eine Gewaltenteilung gewährleistet. Alle Bürger des Landes sollen dieselben Rechte und Pflichten genießen. Und so haben auch wir Muslime mit verschiedenen Teilen der Gesellschaft zu tun:
Mit der Bevölkerung und ihren Vertretern in den Parlamenten wird die gesetzgebende Gewalt gebildet (Legislative)
Mit der Verwaltung auf allen Ebenen von den Kommunalstellen bis zur Bundesregierung und dem Bundespräsidenten führt die vollziehende Gewalt die Gesetze aus (Exekutive)
Für die verbindliche Rechtsauslegung sorgt die Recht sprechende Gewalt der Justiz mit ihren gesamten Instanzen (Judikative)
Mit diesem Prinzip kann sich jeder Bürger sehr gut orientieren, vor allem die Minderheiten eines Landes.
Die Presse möchte gerne eine vierte Gewalt im Land bilden, obwohl sie nicht zu den Verfassungsorganen des Landes gehört. Die Ausübung der freien Meinungsäußerung gehört an fünfter Stelle der Wertehierarchie des Grundgesetzes zu den geschützten Werten der Gesellschaft: nämlich nach der Menschenwürde, der Freiheit der Person, der Gleichheit vor dem Gesetz und der Glaubensfreiheit. Und weil die Presse als Informationsquelle notwendig ist, kann niemand darauf verzichten. Und hier kann man nicht immer zufrieden sein, weil die Gerechtigkeit und die Berufsethik nicht immer vereinbar sind - bis zu dem Punkt, dass man denkt, die Presse wäre im Gegenteil eine Desinformationsquelle. Der Presserat versucht mühsam, eine Berufsethik herzustellen, aber er ist nicht immer erfolgreich, und die gut geschulten Journalisten bewegen sich gerne in einer grauen Zone. Trotzdem können wir auf ihre Arbeit nicht verzichten.
Meine Lösung für meinen SPAGAT hier habe ich schon vor Jahren gefunden: Pressearbeit scheint wie der Wind auf dem offenen Meere zu sein. Er kann ruhig und nützlich sein, und er kann sich aber auch zu Böen aufschwingen. Ein guter Kapitän ist auf beide Phasen vorbereitet. Wichtig ist, immer wohlbehalten an das richtige Ufer zu kommen. In diesem Sinne sollen wir Minderheiten die Windstärken immer als Herausforderung akzeptieren und das Ruder niemals aus der Hand lassen.
Was sollen wir tun?
Entweder uns beugen lassen, was niemandem dienlich ist. Weder der Gesellschaft, noch den Personen und niemals den Religionen.
Oder uns eine Maske zulegen bzw. uns isolieren, was eine Selbstlüge ist. Das würde vielleicht den Presse-Wind besänftigen, aber schwächt die Bindungen und die Einheit der Gesellschaft, lässt viele nützliche Kräfte verschwinden und führt zu Verantwortungslosigkeit.
Oder wir lassen uns in einen Schlagabtausch führen, vorausgesetzt jeder Teil besitzt die gleichen Mittel, ist dazu willig und fähig, was dann viele Kräfte und Ressourcen der Gesellschaft vergeudet.
Würde man Antworten für einzelne Personen suchen, hätte jeder die Freiheit, seine Entscheidung zu treffen, was ihm persönlich angenehm ist. Aber wir suchen Lösungen für unsere deutsche Gesellschaft mit ihrer bunten Vielfalt in allen Bereichen. Darum sollen die Antworten mehr der Zukunft dienen als den einzelnen Personen in meinem engen Umkreis.
Meine ganz persönliche Antwort auf die unrichtigen Vorurteile habe ich seit Jahrzehnten ausgewählt und ausgeübt. Meine Antwort ist mein SPAGAT. Dabei erkenne ich die Unterschiede, akzeptiere sie und versuche zugunsten des gesellschaftlichen Friedens akzeptable Lösungen zum Zusammenleben zu finden. Das Zauberwort dafür ist „Kompromisse“ finden.
Ich bin mir ziemlich sicher, dass Missverständnisse bei der Suche nach den Kompromissen entstehen könnten. Aber ich bin mir auch ganz sicher, dass jeder von uns sehr oft Kompromisse geschlossen hat, vielleicht unter einem anderen Begriff. Nicht unbedingt unter dem Begriff „SPAGAT“.
Und noch mal, bevor ich es vergesse, so ein Thema lebt von den Erfahrungen und den Beiträgen allen Beteiligten. Bitte meldet euch mit euren Ideen, Ratschlägen, Anregungen, Kritiken, Kommentaren, Verbesserungsvorschlägen… usw.
Darauf freue ich mich jetzt schon.
Wassalam
Euer
Ahmad Al-Khalifa
spagat@igd-online.de
erschienen am 30.4.2009
