27.01. 2010

Hessischer Friedenspreis 2009 an muslimische Friedensaktivistin verliehen
Die muslimische Friedensaktivistin Dekha Ibrahim Abdi ist mit dem hessischen Friedenspreis ausgezeichnet worden. Sie erhielt die Auszeichnung am Donnerstag bei einem Festakt im Wiesbadener Landtag. Dr. Monika Lüke, Generalsekretärin der deutschen Sektion von Amnesty International, hielt die Laudatio auf die Preisträgerin.
Dekha Ibrahim Abdi habe sich in der Friedensarbeit und Konfliktlösung in zahlreichen gespaltenen Ländern der Welt vorbildlich engagiert, hob Landtagspräsident Norbert Kartmann in seiner Begrüßungsrede hervor. Sie kombiniere „Graswurzel-Aktivismus“ mit sanfter, aber entschlossener Führung und einer spirituellen Motivation, die sich aus den Lehren des Islam speise. „Sie liest den Koran als Friedenslehre“, so Kartmann. Abdis Motto sei ein Beleg für ihren praktischen Ansatz in der gewaltfreien Konfliktlösung. „Bei Friedensarbeit geht es nicht um die Mathematik der Zahlen und Prozente von Mehrheiten und Minderheiten. Es geht um Pluralität, Verschiedenheit, Teilhabe und „Ownership“ von allen am Konflikt Beteiligten. Frau Abdis hohes Engagement für den Frieden in der Welt gilt es von allen Seiten zu unterstützen und zu würdigen“, betonte der Landtagspräsident.
Der Hessische Ministerpräsident Roland Koch gratulierte Dekha Ibrahim Abdi im Namen der Hessischen Landesregierung und dankte ihr für ihr Durchhaltevermögen, mit dem sie sich seit Schulzeiten für Frieden und Freiheit engagiere. „Diese Werte – Frieden und Freiheit – sind das Ziel von Politik und Religion, wenn sie den Menschen dienen sollen. Dekha Ibrahim Abdi hat diese Werte nicht nur verinnerlicht, sie sind für sie Mission. Dafür setzt sie sich ein und ist damit lebender Beweis für den friedfertigen und zutiefst menschlichen Weg des Islam. In diesem Sinne danke ich Ihnen, verehrte Dekha Ibrahim Abdi, für Ihr beeindruckendes Vorbild“, sagte Koch.
„Höchst effiziente Kämpferin für den Frieden und die Demokratie“
Die Generalsekretärin von Amnesty International in Deutschland, Monika Lüke, würdigte Dekha Abdi in ihrer Lobrede als „höchst effiziente Kämpferin für den Frieden und die Demokratie, deren Ergebnisse so manche UN-Agentur neidisch machen“. Große Verdienste habe sie sich 2007 nach der umstrittenen Präsidentenwahl in Kenia erworben, als sie zwischen den verfeindeten Lagern von Präsident Mwai Kibaki und Oppositionsführer Raila Odinga erfolgreich vermittelte. Inzwischen würden die von Dekha Abdi entwickelten Methoden in vielen afrikanischen und asiatischen Staaten angewandt, ergänzte die Generalsekretärin. Aber auch in europäischen Ländern, wie etwa den Niederlanden und Großbritannien, würden Friedensarbeiter nach diesen Methoden ausgebildet.
Dekha Ibrahim Abdi, 1964 im Distrikt Wajir in Kenia geboren, wuchs in einem multireligiösen und multiethnischen Milieu auf. Obwohl sie selbst Muslimin ist, waren ihre Freunde in der Kindheit Christen aus einer anderen ethnischen Gruppe. Schon in der Oberschule vermittelte sie zwischen den unterschiedlichen ethnisch-religiösen Lagern in ihrer Schule und bildete eine wachsende Gruppe von Vermittlern, um gewaltsamen Auseinandersetzungen vorzubeugen. Diese Erfahrungen prägten ihre Praxis der interreligiösen Zusammenarbeit, welche sie für die unersetzliche Grundlage dauerhaften Friedens hält.
Frau Abdis Methoden der interkommunalen Friedensarbeit werden heute auf vier Kontinenten angewandt. Fest in der Zivilgesellschaft ihrer Heimat verwurzelt, wirkt sie weit über die Grenzen ihres Landes hinaus. Dies kommt auch in ihrer Mitgliedschaft in zahlreichen internationalen Nichtregierungsorganisationen und ihrer Tätigkeit für die Vereinten Nationen zum Ausdruck. Ihre Tätigkeit dient so dem Gemeinwohl der Menschheit.
Mit Dekha Ibrahim Abdi wird zum ersten Mal eine Afrikanerin aus dem subsaharischen Afrika, eine Grassroot-Aktivistin und zum zweiten Mal ein Mensch islamischen Glaubens mit dem Hessischen Friedenspreis der Albert-Oswald-Stiftung ausgezeichnet. Der Hessische Friedenspreis wurde 1993 von Albert Osswald und der von ihm begründeten Stiftung ins Leben gerufen und ist mit 25.000 Euro dotiert. Die Preisträgerin nahm den Preis für alle Friedensarbeiter in Kenia entgegen. Das Preisgeld werde sie einer Friedensbibliothek und einem Friedensmuseum in ihrer Heimat Wajir stiften, denn Bildung sei der Schlüssel zum globalen Frieden. (sa)
Quelle: www.igmg.de
7.01.2010
Die Geschichte vom Muslim, der Weihnachten stehlen wollte: Analyse zur Berichterstattung über Qaradawi und das angebliche Weihnachtsverbot – Kommentar von Tarafa Baghajati
Eingehend ist festzuhalten, dass jeder jeden kritisieren kann und soll. Das ist in einer demokratischen und pluralistischen Gesellschaft eine Selbstverständlichkeit. Muslimische Persönlichkeiten sind davon natürlich nicht ausgenommen. Allerdings sollte eine kritische Meldung, insbesondere wenn sie von Qualitätsmedien kolportiert wird, auf überprüften Quellen basieren. Insbesondere was Islam und Muslime betrifft, gehören falsche Übersetzungen und aus dem Zusammenhang gerissene Zitate zu den beliebtesten Instrumenten, um Muslime und ihre Religion zu diffamieren. Der Übersetzungsdienst MEMRI ist in diesem Zusammenhang bereits auffällig geworden und kann nicht als seriöse und objektive Quelle angesehen werden. Darauf hat Brian Whitaker bereits im August 2002 in seinem im Guardian veröffentlichten Artikel „Selective MEMRI“ aufmerksam gemacht. http://www.guardian.co.uk/world/2002/aug/12/worlddispatch.brianwhitaker
Ausgerechnet zur besinnlichen Weihnachtszeit haben nun zahlreiche Medien die Meldung verbreitet, dass der islamische Gelehrte Yussuf Al-Qaradawi ein Verbot des Weihnachtsfestes fordere. Ursprungsquelle dieser Zeitungsente ist der Übersetzungsdienst MEMRI. Die Welt beispielsweise schreibt: „Der einflussreiche islamische Gelehrte Yussuf al-Qaradawi hetzt gegen die Christen. In der islamischen Welt müsse das Weihnachtsfest verboten werden, fordert der 83-Jährige in einer Fatwa, einem islamischen Rechtsgutachten. Die Hassrede des Predigers ist in einem Video auf YouTube zu sehen.“ http://www.welt.de/politik/ausland/article5622952/Islam-Gelehrter-fordert-Verbot-von-Weihnachten.html
APA, Standard (inzwischen am 27.12. korrigiert), ORF in Österreich und viele andere Medien haben ungefähr den gleichen Inhalt wiedergegeben. Der Spiegel titelte mit „Heiligabend-Attacke“, Bild wusste von einem „Angriff auf Heiligabend“ zu berichten. Wer die Originalrede auf Arabisch hört, findet allerdings keinerlei Hinweis darauf, dass Qaradawi Christen das Weihnachtsfest verbieten möchte. Scheich Qaradawi kritisiert in seiner Predigt die lokalen muslimischen Geschäftsleute, die „die Geburt Jesu, Friede sei mit ihm, genannt Christmas zelebrieren [...] mit ihren vier bis fünf Meter hohen Weihnachtsbäumen“ nur um des Kommerzes willen („nur für den Gewinn, für Geld“). Dies sei für Muslime unstatthaft und unpassend („ein Fest einer Religion zu feiern, die nicht die Eure ist, währenddessen andernorts der Bau von Minaretten Muslimen verboten wird.“). Der Zusammenhang von Minarettverbot in der Schweiz und der Kritik an der Verbreitung von kommerziellem Weihnachtskitsch in der muslimischen Gesellschaft, erschließt sich auch mir nicht recht. Von einer „Hassrede“ kann allerdings keine Rede sein, irgendwelche verbale Attacken gegen Christen fehlen gänzlich. Qaradawis Kritik ähnelt der Kritik an Halloween oder Santa Clause (im Gegensatz zum Christkind), wie sie bei uns immer wieder laut werden. Interessant ist, daß in der MEMRI- Widergabe das Lob Jesus mit den Worten „Friede sei mit ihm“ durch Qaradawi zur Gänze fehlt, warum wohl?
Beim Nachrichtenmagazin Spiegel ist einem Redakteur die Phantasie gänzlich durchgegangen. Dort heißt es: „Und auch jenseits von Weihnachten sähe der einflussreiche Prediger die Rechte der Christen gern beschnitten: `Kirchen dürfen keine Kreuze mehr tragen. Kirchenglocken dürfen auch nicht mehr läuten´, forderte er weiter.“ Das ist eine reine Erfindung und findet sich nicht in der MEMRI-Übersetzung und schon gar nicht in der Originalrede. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,668258,00.html
Es ist äußerst bedauerlich immer wieder feststellen zu müssen, dass negative Schlagzeilen zum Islam sich von Medium zu Medium wie ein Lauffeuer verbreiten, ohne dass die vielen beteiligten verantwortlichen Redakteure auf die Idee kommen würden, ihrer journalistischen Sorgfaltspflicht nachzukommen. Stattdessen wird die Geschichte auch noch ausgeschmückt und angereichert. Es gibt auch im deutschsprachigen Raum genügend arabischkundige Menschen und Experten ohne ideologische Mission, für die es ein leichtes wäre, derartige Meldungen zu verifizieren bzw. zu falsifizieren.
Zum Schluss möchte ich noch anmerken, dass ich Scheich Qaradawis Ansicht nicht teile. Der Islam wird durch ein paar Weihnachtsbäume nicht gefährdet. Im Gegenteil; die Länder mit muslimischer Mehrheitsgesellschaft können bei aller berechtigten Kritik an der Kommerzialisierung religiöser Anlässe stolz darauf sein, dass christliche Feste sich in ihrem Straßenbild widerspiegeln. Das Fernsehprogramm vieler arabischer Sender liefert ein spezielles Weihnachtsprogramm. Es ist ein Zeichen dafür, dass religiöse Gruppen nicht nur friedlich nebeneinander existieren können, sondern darüber hinaus auch in der Lage sind, ein harmonisches Miteinander zu finden. So überflüssig die „Islamisierungsdebatte“ in Europa ist; so unnötig wäre es vice versa eine „Christianisierungsdebatte“ in der muslimischen Welt vom Zaun zu brechen.
Zum Autor: Tarafa Baghajati ist Obmann der Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen http://www.islaminitiative.at. Er ist zu dem Vorstandsmitglied “Platform for Intercultural Europe PIE” und Mitglied von ENAR - European Network against Racism www.enar-eu.org
10.12.2009
Radikalisierung in den Moscheen?
Mustafa Yeneroğlu
Letzte Woche hat Bundesinnenminister de Maizière in einem Interview mit der Zeit geäußert, dass die Radikalisierung von Muslimen fast immer rund um die Moscheen stattfindet. Diese Position scheint in der öffentlichen Diskussion Konsens zu sein, wo doch niemand Anstoß daran genommen hat. Auch deckt sie sich mit den früheren Verlautbarungen der Sicherheitsbehörden.
Aber stimmt diese Behauptung auch? Vor allem in dieser pauschalen Form? Hätte sich der Bundesinnenminister in seiner „Feststellung“ nicht wesentlich präziser ausdrücken müssen? Zumal der Öffentlichkeit bisher nur die „Masjid-Taiba“ Moschee in Hamburg und das inzwischen verbotene „Multi-Kultizentrum“ in Neu-Ulm bekannt sind, in denen offensichtlich Radikalisierung stattfand. Beide Fälle sind den Sicherheitsbehörden genauestens bekannt gewesen. Man wusste ganz genau, wer in den genannten Moscheen als gefährlich galt und wer „auf der Kippe“ stand. Sicherheitsbehörden können genauestens darüber Auskunft geben. Inzwischen wissen wir auch, dass der Rekrutierer der Sauerland-Gruppe jahrelang auf der Gehaltsliste des Verfassungsschutzes stand und quasi unter dem Schutz der Sicherheitsbehörden als Imam dieser „Moschee“ Jugendlichen Hass einimpfte[1]. Neben diesem Yahia Yousef sind weitere mutmaßliche Mitarbeiter von Geheimdiensten bekannt, die Hass gepredigt und Terrorvorbereitungen unterstützt haben sollen[2]. Während das Zentrum in Neu-Ulm inzwischen verboten ist, wird die genannte Örtlichkeit in Hamburg weiterhin betrieben, obwohl sie nach wie vor Anziehungskraft für gewaltbereite Personen sein soll[3]. Warum, wissen wohl die wenigsten? Dass darüber hinaus in Moscheen Hass oder Gewalt gepredigt wird, ist nicht bekannt. Auch im Gesprächskreis „Sicherheit und Islamismus“ der Deutschen Islamkonferenz wurden seitens staatlicher Behörden keine weitergehenden Erkenntnisse mitgeteilt. Es ging eigentlich nur darum, die Umsetzung von vorgefertigten Konzepten durchzusetzen.
Obwohl dort, wo konkrete Beweise für Gewaltverherrlichung und sogar Rekrutierung vorliegen, wenig unternommen wird, sind alle Moscheen in Deutschland einem Verdacht ausgesetzt und sollen Präventionsarbeit auf Grundlage islamophober Definitionen der Sicherheitsbehörden vornehmen. Dabei ist eine Diskussion über Definitionen und Umsetzungsmaßnahmen nicht erwünscht. Nur bei der Umsetzung dürfen islamische Religionsgemeinschaften scheinbar mitgestalten, so auch beim Sicherheitsdialog mancher islamischer Organisationen mit den Sicherheitsbehörden[4]. Es ist doch mehr als bemerkenswert, dass die islamischen Religionsgemeinschaften durch staatliche Vertreter ausschließlich in Fragen der Umsetzung der Sicherheits- und Präventionspolitik in die Pflicht genommen, ansonsten jedoch bei allen gesellschaftspolitisch relevanten Themen ausgrenzt werden.
Dass aber diese teilweise medialen Maßnahmen selbst stigmatisierend sind und zudem islamophoben Ressentiments zusätzlichen Vorschub leisten, wird geflissentlich unterdrückt. Zu den Erfolgen des Sicherheitsdialogs zähle, „die Tatsache, dass nach Einschätzung von Sicherheitsbehörden derzeit keine unmittelbare Terrorgefahr aus dem Umfeld von Moscheen und muslimischen Predigern in Deutschland ausgeht“[5]. Dass man diese „Tatsache“ nicht mit verifizierbaren Angaben wird unterlegen können, dürfte unstreitig sein. Gerade im Anbetracht dieser Tatsachen verlangt die IGMG seit Jahren eine Überprüfung der Sicherheitspolitik und eine tatsächliche Möglichkeit der Beratung. Dass in diesem Fall islamische Religionsgemeinschaften selbstverständlich ihren Beitrag leisten werden, bedarf eigentlich keiner Erwähnung. Nicht zuletzt geht es um das Gemeinwohl und auch die Erhaltung des sozialen Friedens. Im Übrigen sind Muslime durch dieses Thema wesentlich stärker bedroht, als alle anderen. Nicht nur durch möglicher terroristische Akte, sondern vor allem auch durch solche Verlautbarungen und weitergehenden staatliche Maßnahmen.
Gerade daher könnte der Bundesinnenminister, anstelle darüber zu spekulieren, was er auf Grundlage seiner Feststellung unternehmen könnte, selbstkritisch den bisherigen Ansatz auf den Prüfstand stellen und gemeinsam mit den islamischen Religionsgemeinschaften eine neue Politik wagen. Dazu gehören auch die öffentlichen Verlautbarungen des Ministers. Vor allem müsste er sich fragen, ob seine Wortwahl richtig ist. Während er sich in seinen Äußerungen gegenüber den Muslimen sehr problematisch ausdrückt und die Moscheegemeinden pauschal dem Vorwurf der Radikalisierung aussetzt, ist er äußerst vorsichtig, wenn er sich an die Mehrheitsbevölkerung richtet. Entgegen aller bekannten Studienergebnisse glaube er nicht, dass die Mehrheit in Deutschland islamskeptisch sei[6].
Wenn man nun den Sprachgebrauch vergleicht, stellen sich doch offensichtliche Unterschiede dar. Aber wem nutzt das? Eigentlich niemandem, es vertieft nur die vorhandenen Gräben. Es wäre im Sinne Aller zu hoffen, dass de Maizière eine Sprache gebraucht, die nicht ausgrenzt oder stigmatisierend wirkt, sondern Empathie zeigt und die wertvolle Arbeit, die Moscheegemeinden in den letzten Jahrzehnten zur Integration der Muslime in der Gesellschaft geleistet haben, anerkennt.
Denn eine vernünftige, ergebnisorientierte Politik setzt nicht auf Polarisierung und weiß, dass die permanente Verdächtigung Gift ist für Ansätze, die gemeinschaftliches Handeln voraussetzen.
[1]Daniela Bach/Elmar Theveßen/Rolf Peter Weißhaar, »Angriffsziel Terrorismus – Bedrohung durch Terrorismus«, Frontal 21 (ZDF), 11.09.2007.; http://www.hintergrund.de/20070928123/politik/inland/die-spur-der-dienste.html
[2]info.kopp-verlag.de/news/marionetten-und-drahtzieher-sauerland-gruppe-am-22-april-beginnt-der-prozess-gegen-die-angebli.html ; Bernd Schlecker, Ex-Imam aus Islamistenszene aufgetaucht, SWR-4, 25.06.2008.; Rainer Nübel, »Mutmaßlicher CIA-Mann war ›der Chef‹«, Stern, 04.02.2009,http://www.stern.de/panorama/:Sauerland-Zelle-Mutma%DFlicher-CIA-Mann-der-Chef/653678.html.
[3] „Reiseziel Pakistan“ in der FAZ vom 08.12.2009, Seite 10
[4] Siehe http://www.igmg.de/nachrichten/artikel/2009/04/29/was-sind-die-grundlagen-der-sog-vertrauensbildenden-massnahmen-zwischen-den-sicherheitsbehoerden-und-manchen-muslimischen-organisationen.html; www.igmg.de/nachrichten/artikel/2009/05/02/ohne-sicherheitsdialog-unmittelbare-terrorgefahr-durch-moscheegemeinden.html
[5] „Lob für Dialog mit Muslimen“ in der FAZ vom 30.04.2009, Seite 2
[6]http://www.zeit.de/2009/50/Interview-De-Maizire?page=3
04.12.2009
Alle Tage wieder!
Wieder einmal wurden die Büros und Privatwohnungen von Verantwortlichen der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs durchsucht. Und wieder einmal wird das ganze medial begleitet. Wonach sucht man, wenn innerhalb eines Jahres in groß angelegten Aktionen die IGMG und ihre Verantwortlichen bereits zum vierten Mal durchsucht werden? Leider wird man den Eindruck nicht los, dass hier nach der sprichwörtlichen Stecknadel im Heuhaufen gesucht wird, ganz nach dem Motto: hier muss doch etwas sein, wir müssen einfach nur lange genug suchen.
Als Bürger dieses Landes müssen wir die Frage stellen, inwieweit bei solchen Aktionen die Verhältnismäßigkeit gewahrt und wie mit unseren Steuern umgegangen wird. Verhält sich der Staatsapparat noch innerhalb der Rechtstaatlichkeit, die er zu schützen hat oder hat er seine Grenzen überschritten? Wieso das Ganze viermal, obwohl man immer wieder die selben Akten und Computer mitnimmt.
Welche neuen Informationen hofft man zu finden? Helmut Schmidt schreibt in seinem Buch „Außer Dienst“: „Demokratie und Rechtsstaat sind immer wieder Gefährdungen ausgesetzt. Einerseits können akute massenpsychologische Ängste und Stimmungen schnell zu Überreaktionen führen, andererseits droht die Einschränkung des liberalen Rechtsstaates durch eine überbordende staatliche Bürokratie. Manchmal zieht das eine das andere nach sich. Dies haben wir miterlebt, als das terroristische Kolossalverbrechen gegen zwei Hochhaustürme in Manhattan im Spätsommer 2001 die amerikanische Nation zunächst in Angst und Schrecken versetzte, diese Gefühle alsbald unter Führung des Präsidenten in eine furiose Kriegsstimmung umschlugen und schließlich die Spitzen der staatlichen Bürokratie eine Reihe von bis dahin festen liberalen Rechtsprinzipien beiseite schoben.“
Sicher muss der Staat Sorge dafür tragen, dass die Gesetze eingehalten werden. Sicher ist auch, dass jeder, der die Gesetze dieses Landes verletzt, dafür zur Rechenschaft gezogen werden muss. Jedoch muss genauso deutlich gesagt werden: bei früheren Durchsuchungen diverser islamischer Einrichtungen, seien sie nun der IGMG oder anderen Verbänden zugehörig oder den Moscheekontrollen nach dem Freitagsgebet (so genannte verdachtsunabhängige Kontrollen) sind keine nennenswerten Verstöße gegen deutsche Gesetze festgestellt worden. Dieser Erfahrung nach wird auch dieses Mal kein Verstoß gefunden werden, der eine solche Aktion rechtfertigt. Jedoch resultieren aus solchen Einsätzen hohe Kosten und eine gesellschaftliche Ächtung der eben durchsuchten Institutionen. Ersteres scheint man in Kauf zu nehmen, zweites wird möglicherweise bewusst als Kollateralschäden beabsichtigt.
Letztendlich gehen Nachbarn und viele Einrichtungen der Öffentlichkeit zu den durchsuchten Personen und Institutionen auf Abstand, denn sie nehmen an: wo Rauch ist, muss ja auch Feuer sein. Leider verhalten sich viele muslimische Institutionen und Personen ähnlich und gehen auf Distanz. Sie könnten ja etwas von diesem „schlechten Ruf“ abbekommen.
Auch wenn rechtlich im Nachhinein kein Verfahren eröffnet wird und auch jedwede Entschuldigung ausbleibt, der mediale und gesellschaftliche Schaden hat bereits stattgefunden. An einer Wiedergutmachung bzw. gesellschaftlichen Rehabilitation scheint auch niemand interessiert zu sein. Man kann nur warnen: mit solchen Aktionen schürt man nur die Ängste unserer Mitbürgerinnen und Mitbürger, die letztlich zu solchen Resultaten wie dem Abstimmungsergebnis zum Minarett-Verbot der Schweiz führen. Ernst nehmen sollte man die Ängste schon, nur sind vertrauensbildende Maßnahmen und kritischer Dialog die richtige Antwort und nicht Repressalien und Ausgrenzung muslimischer Institutionen und Individuen. Denn sie sind es, die Partner in einem demokratischen Prozesses sein wollen und sein können. Und nur wenn dieser Austausch auf gleicher Augenhöhe stattfindet, wird er erfolgreich sein.
01.12.2009
Denkanstöße nach der Schweizer Wahl!
Die Eidgenossen haben in einer Volksabstimmung gegen den Bau von Minaretten auf Moscheen votiert. Die Schweizer Wähler verdienen von mir die Achtung und dies gibt mir einige Denkanstöße.
Es ist eine Stärke der Demokratie, wenn die gesellschaftlichen Kräfte mit offenen Meinungen kommunizieren. Und wer ist volks-demokratisch mehr als die Eidgenossen? Nicht die Volksvertreter alleine entscheiden für das Land, sondern auch das Volk selbst durch seine unzähligen Volksabstimmungen nimmt die Verantwortung des Geschehens in der Hand. Das zeigt uns, wie vielfältig die Demokratie ist. Können wir Muslime offen darüber diskutieren, welche dieser europäischen Formen am nächsten zum islamischen Schura-Prinzip ist?
Unabhängig ob mittelbare oder unmittelbare Demokratieform, sollten wir als gesellschaftliche Kraft schauen, wie wir in dieser Kommunikation und Dialog uns einfügen können?
Viele Fragen bewegen sich in meinem Kopf, seitdem ich diese Nachricht erhalten habe. Nicht die Minarette in der Schweiz haben mich vordergründig beschäftigt, sondern die Demokratie und unser Leben als Minderheit in der Gesellschaft.
Dass für jede einzelne Frage verschiedene Meinungen da sind, das gehört zum Alltag. Geschichte, Bildung und Ausbildung, Lebensmilieu, Respekt, Nationalstolz, … usw. der einzelnen Personen spielen dabei eine Rolle, ob jeder sich im Lager der Befürworter oder der Gegner näher befindet. Auch diese Nähe ist sehr unterschiedlich. Nur 54% der Bevölkerung interessierte sich um das Thema und sind zur Wahl gegangen. Es ist eine klare Mehrheit, aber nicht die überwiegende Mehrheit soll man bemerken. Gegen den Minarettenbau votierten 57,5% der Wähler. Auch eine Mehrheit ist hier zu verzeichnen. Wie können wir dieses Ergebnis interpretieren? Kann man sich mit einer Berechnung beruhigen, dass ca. 31% der Bevölkerung gegen den Bau gestimmt haben. NEIN! Das ist genau das falsche Zeichen in der Demokratie.
Es stimmt aber auch, dass 69% der Bevölkerung nicht gegen den Bau von Minaretten gestimmt haben. Aber diese überwiegende Mehrheit der Stimmberechtigten wurde nicht bewegt, ihre Stimme abzugeben. Und hier liegt der Kern der Größe von den gesellschaftlichen Kräften. Die Kraft wird nicht an der Zahl von Personen oder Geldern bemessen, sondern mehr an den Aktivitäten und an das Dasein in der Öffentlichkeit. An der Sympathie und an die Fähigkeit der Gesellschaft zu mobilisieren. Egal in welcher Richtung die Wahlberechtigten sich bewegen, pro oder kontra. Allein die Bewegung zählt bei der Bemessung des Daseins.
Einer früheren Umfrage zufolge erwartete man, dass nur 37% der Wähler für das Verbot abstimmen würden. Es war schön und beruhigend für die Muslime in der Schweiz und für die Befürworter des Minarett Baus. Beide haben das Spielfeld der Demokratie frühzeitig verlassen. Auf der anderen Seite waren die Gegner des Minarettenbaus wachsam, dass die Ergebnisse eines Spiels erst mit dem Abpfiff des Schiedsrichters endgültig stimmen, oder in der Demokratie erst mit dem Schließen der Wahllokale garantiert sind.
Und wie bitte könnten wir Muslime unsere Befürworter an den Urnen bewegen, wenn wir mit denen kaum Kontakte haben? Lassen wir die Frage der Integration paar Minuten ausruhen. Die Integration als „unauffällig“ leben, „anpassungsfähig“ sein und an der Leitkultur sich „orientieren“ helfen niemals 69% der Bevölkerung für die Belange der Minderheit sich stark zu machen. Nur das Zusammenleben, das gegenseitige Vertrauen und die gemeinsame Erlebnisse lassen jeder sich freuen den anderen glücklich zu machen, da dieses Glück sich ausstrahlt und verbreitet, und sich selbst zum Wohle kommen wird. Ich möchte meine Schweizer muslimische Geschwistern nicht fragen, wie viel Vertrauen unsere Institutionen dort unter der Bevölkerung haben. Mehr möchte ich meinen muslimischen Geschwistern in Deutschland diese Frage stellen. Ist es nicht merkwürdig, dass der deutschsprachige Kanton (Luzern) mehr für das Verbot als die französischsprachigen Kantone (Genf und Waadt) votierte.
Ist das ein Indiz für die Ergebnisse der deutschsprachigen Presse im Vergleich zu der Französischsprachigen? Das könnte Vieles erklären! Ein Schweizerisches Volk, die gleiche Migranten im Lande und die gleiche Muslimische Geschichte; trotzdem klare unterschiedliche Haltung gegenüber dem Bau von Minaretten!
In der Schweiz gibt es bislang „nur“ vier Moscheen mit Minaretten. Haben wirklich diese vier Minaretten Landesprobleme gemacht? Egal in welchem Bereich das wäre: Stadtsilhouette, Sicherheit, Störung des Landesfriedens,… oder der Gleichen?
Warum regt man sich mehr über Bilder, Symbole und Zeichen als sich mit dem Kern der Fragen zu beschäftigen. In der letzten Zeit diskutiert man zunehmend über das Kopftuch als über die Persönlichkeit oder über die inneren Werte der Frauen. Gestern votierte man über das Minarett und meidet die Frage der Moschee und des Gebetes. Soll man verstehen, dass in der Schweiz der Bau von Moscheen gewollt ist und gefördert wird? Oder ist das der Anfang bei den Minaretten und bald über die Moscheen und wird am Schluss bei der Frage des Betens und des Fastens landen? In der Demokratie gibt es keine Garantie. Alles ist in der Demokratie offen. Auch die gestrige Entscheidung ist noch offen. Wenn die Gegner des Minarettenbaus gestern den Erfolg bekamen, dann können die Befürworter noch Mal eine Volksentscheidung beantragen und ihrem Erfolg nachholen. Dafür sollen die Befürworter zusammen arbeiten.
Unter den Befürwortern sind selbstverständlich die muslimischen Vereine zu zählen. Egal ob sie die Funktionalität und Notwendigkeit des Minaretts sehen oder nicht. Auch die beiden großen katholischen und evangelischen Kirchen haben gedeutet, dass sie für den Minarettbau seien. Auch die Wirtschaft und der Bankensektor würden solche neue Initiative zum Bau von Minaretten unterstützen. Viele Politiker und etliche etablierte Parteien in der Schweiz wie außerhalb der Schweiz kritisierten diese Entscheidung. Sogar die Regierung in Bern hatte den Wählern empfohlen mit NEIN zu votieren. Es fehlt in der Schweiz nach Potential, es ist vorhanden aber nicht genügend mobilisiert.
Manche Personen befürchten, dass die Bemühungen um Integration und interkulturelle Öffnung in der Schweiz damit einen Rückschlag erlitten hätten. Ich denke, dass wäre genau die falsche bzw. die verkehrte Reaktion sein. Ganz im Gegenteil, sollen die Muslime in der Schweiz und auch hier in Deutschland ihre Integrationsbemühungen bzw. ihre Öffnungsergebnisse überprüfen und revidieren, damit mehr Erfolg sich zeichnet. Und nur so werden die unzähligen gesellschaftlichen Kräfte der Muslime den idealen Ansprechpartner finden. Dann ist der Weg zum nächsten Volksentscheid „FÜR DAS MINARETT“ geebnet, mit Erfolgsversprechung.
Dann können wir die Eröffnung der fünften Moschee mit Minarett in der Schweiz gemeinsam feiern. Das Bild von der Schweiz wird sich wieder aufpolieren und wir Muslime werden von diesen Ergebnissen das Richtige gelernt haben.
Für das Gelernte möchte ich mich bei den Schweizer Wähler bedanken.
Ihr Ahmad Al-Khalifa
23.11. 2009
De Maizière – "Islam willkommen, Islamismus nicht"
Der neue Innenminister Thomas de Maizière (CDU) will sich darum kümmern, dass in Deutschland lebende Muslime nicht dem Extremismus verfallen, sondern die hier geltenden gesellschaftlichen Werte akzeptieren. Besonders wichtig sei ihm dabei die Gleichberechtigung: Dort gebe es "noch enorme Probleme".
Bundesinnenminister Thomas de Maizière hat seine Pläne für den Umgang mit Muslimen und islamistischen Extremisten dargelegt. Der „Süddeutschen Zeitung" sagte der CDU-Politiker: „Der Islam ist bei uns willkommen, der Islamismus nicht." Die Abgrenzung zum Islamismus bleibe ein zentrales Thema der Islamkonferenz.
Zudem kündigte de Maizière an, sich mit der Ausbildung von Imamen und islamischen Religionslehrern an deutschen Hochschulen beschäftigen zu wollen. „Ein zweites großes Thema wird die Gleichberechtigung von Mann und Frau, von Jungen und Mädchen sein", so der Minister. In diesem Bereich gebe es „noch enorme Probleme". Die „Humanität einer Gesellschaft" habe aber viel mit der gleichberechtigten Stellung der Frau zu tun. „Eine Abwertung von Frauen passt nicht zu unserem Grundgesetz."
De Maizière strebt zudem eine neue Schwerpunktsetzung in der Innenpolitik an. Er sehe sich nicht nur als Sicherheits- oder Polizeiminister, sondern als ein Minister, der sich um alles kümmert, „was unser Land im Innersten zusammenhält". Mit Blick auf die Anti-Terror-Gesetzgebung betonte de Maizière, er könne nicht „zur Vorbeugung gegen jede Gefahr ein Gesetz machen".
Der Minister sagte, er wolle raus „aus den alten Lagern". Mit dem Begriff „Innere Sicherheit" könne er wenig anfangen. „Mir gefällt 'innerer Frieden' und 'öffentliche Sicherheit' besser", wurde er weiter zitiert. Zugleich warnte er die FDP vor der Erwartung, sie könne Lockerungen der Anti-Terror-Gesetze im Streit durchsetzen. „Wenn wir uns nicht einigen, gibt es keine Veränderungen", sagte de Maiziere.
Quelle: news.de.msn.com
09.10.09
Frühe Auszeichnung: Präsident Obama erhält Friedensnobelpreis
Obama: „Habe ich den Preis nicht verdient“. Überwiegend positive Reaktionen im Inland. Obama habe ein Zeichen gesetzt "für einen neuen Dialog mit dem Islam".
US-Präsident Barack Obama wird mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Das Nobelpreiskomitee in Oslo gab heute seine Entscheidung bekannt. Obama werde für seine außergewöhnlichen Bemühungen zur Stärkung der internationalen Diplomatie und zur Zusammenarbeit zwischen den Völkern geehrt, hieß aus aus Oslo. Das Komitee legte dabei besonderes Augenmerk auf "Obamas Vision" und seine "Arbeit für eine Welt ohne Atomwaffen". Während die Vorgängerregierung noch von der "Achse des Bösen" sprach und Raketenschilder bauen wollte, habe laut Nobelpreiskomitee Obama "ein neues Klima in der internationalen Politik" geschaffen. Das Komitee sieht nun die Zeit gekommen, "unseren Teil der Verantwortung zu übernehmen", heißt es in der Erklärung.
„Ich bin überrascht und zutiefst demütig“, sagt Obama in einer ersten Reaktion. „Wenn ich ehrlich sein soll, habe ich den Preis nicht verdient.“ Er nehme den Preis mit Demut an. Aber er sehe den Preis nicht als Anerkennung seiner eigenen Verdienste, sondern der von ihm gesetzten Ziele für die USA und die Welt. „Ich fühle nicht, dass ich es verdient habe, in einer Reihe mit so vielen gestaltenden Persönlichkeiten zu stehen, die mit diesem Preis geehrt wurden“, erklärt er.
Viele Beobachter sehen in der Entscheidung des Komitees mehr eine Bürde als Ehre. So appelierte Obama auch daran, dass jedes einzelne Land Verantwortung für den Frieden übernehmen. „Keine Nation und kein Präsident kann diese Aufgabe alleine schaffen.“ Ausdrücklich nennt Obama die atomare Abrüstung und den Konflikt zwischen Israelis und Palästina in Nahost. „Einige Aufgaben werden sich aber nicht während seiner Amtszeit bewältigen lassen.“
Deutsche Politik reagiert positiv
"Ich freue mich, dass Ihr Engagement für die friedliche Zusammenarbeit zwischen Staaten und Völkern durch die Verleihung dieser hohen Auszeichnung verdiente Anerkennung und Würdigung findet", schreibt Bundespräsident Horst Köhler an Obama.
Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) gratulierte Obama. Er sollte von allen in seinem Bestreben unterstützt werden, "Frieden in der Welt noch besser möglich zu machen", so Merkel.
FDP-Chef Guido Westerwelle sieht in der Entscheidung "weniger die Auszeichnung für bereits Erreichtes, sondern eine Rückenstärkung für eine Politik, die auf Kooperation statt Konfrontation und auf Abrüstung statt Aufrüstung setzt".
SPD-Chef Franz Müntefering sagte zu der Osloer Auszeichnung: "Mit dieser außerordentlichen Würdigung wird zu Recht Ihr Engagement für mehr Völkerverständigung als großes Ziel Ihrer Präsidentschaft hervorgehoben.
Die Bundesvorsitzenden von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Claudia Roth und Cem Özdemir, erklärten: „Der Friedensnobelpreis für Barack Obama bestärkt die Hoffnungen, die seit seiner Wahl zu einem neuen Klima in der Weltpolitik beigetragen haben.“ So habe Obamas Kairoer „Zeichen gesetzt für einen neuen Dialog mit dem Islam.“ Es gäbe neue Chancen für Frieden und Abrüstung.
Linke-Chef Oskar Lafontaine meinte zu Obamas Auszeichnung: „Dieser Preis ist für Obama eine Verpflichtung, für mehr Frieden auf der Welt zu sorgen“.
Gemischte Reaktionen aus dem Ausland
Während in Russland die Osloer Entscheidung hoffnungsvoll aufgenommen wurde, gab es auch kritische Stimmen, die die Auszeichnung als zu früh ansahen. Das Erbe seine Vorgängers von zwei Kriegen sei noch nicht gelöst. Amnesty Internationals norwegischer Sprecher John Egenaes verwies in einer ersten Reaktion auf den Krieg in Afghanistan. Auch dass für den Konflikt in Nahost noch keine Lösung in Sicht ist, wurde kritisiert.
Erfreut zeigte sich der Chef der Internationalen Atomenergiebehörde IAEO, Mohammed El-Baradei äußerte sich in Wien begeistert: "Mir fällt niemand ein, der diese Ehre mehr verdient hätte."
08.10.09
Tariq Ramadan: „Wir europäische Muslime haben viele Identitäten“
In einem Interview mit der türkischen Zeitung ZAMAN äußerte sich der Schweizer Islamwissenschaftler Tariq Ramadan zu vielen Themen. Er unterstrich, dass europäische Muslime sich nicht zu einer einzigen Identität zwingen sollten.
Die Freiheit der Meinungsäußerung sei kein absolutes Recht, so Ramadan. Dieses Recht habe Grenzen und sei keineswegs ethisch hinnehmbar. Rassistische Äußerungen etwa dürften nicht unter die Meinungsfreiheit fallen. Insbesondere wenn es um Muslime gehe, würden oft Grenzen übergangen, beantwortete Ramadan die ihm gestellte Frage zur Meinungsfreiheit.
Er akzeptiere auch seine Entlassung aus der Rotterdamer Universität nicht. Der Vorwand, dass er durch seine Sendungen im iranischen Fernsehen der iranischen Regierung nahe gestanden habe, sei umso mehr unverständlich, da seine Tätigkeit beim iranischen Fernsehen während den Verhandlungen mit der Rotterdamer Universität bekannt gewesen sei. Niemand habe zu der Zeit seine Loyalität in Frage gestellt. Er habe bei den Sendungen stets freie Hand gehabt, sowohl bei Gäste- als auch bei Themenwahl. Er habe sich auch in keinster Weise einem Druck ausgesetzt gefühlt, wie dies bei einigen europäischen Presseleuten geschehe, berichtete Ramadan ferner. Er habe bereits Einspruch gegen seine Entlassung erhoben. Es würden gute Aussichten auf einen richterlichen Zuspruch bestehen, habe ihm sein Anwalt im Voraus angekündigt.
„Nichtsdestoweniger ist dadurch mein Ruf zerstört. Aus diesem und aus dem Grund, dass mein Fall für Muslime in Europa als Beispiel dienen möge, werde ich rechtlich bis zum Schluss für meine Sache kämpfen, sowohl in den Niederlanden als auch auf internationaler Ebene“, verkündete Ramadan weiter.
„Wir haben mehrere Identitäten“
Ramadan sagte ferner, dass Muslime in Europa grundsätzlich mehrere Identitäten hätten. Er sei beispielsweise ägyptischer Herkunft, europäisch sozialisiert, vom Glauben her muslimisch, Schweizer nach der Staatsangehörigkeit und universalistisch in seinen Prinzipien. „Welche dieser Identitäten ist die wichtigste? Nun, es hängt von der Situation ab“, sagt Ramadan. „Wenn ich wählen gehe, dann bin ich Schweizer. Wenn Sie mich nach dem Sinn von Leben und Tod fragen, dann bin ich in erster Linie ein Muslim." Die primäre Identität hänge von der jeweiligen Situation ab. „Wenn ich mich absolut definieren soll, dann habe ich sechs verschiedene Identitäten in sechs verschiedenen Dimensionen. Das ist kein Problem und auch kein Dilemma.“ Er riet Muslimen dazu, sich in keinster Weise von anderen eine Identität aufdrücken zu lassen.
Die Türkei sei eine komplexe Gesellschaft, stellte Ramadan im Hinblick auf die Frage über die Türkei fest. Auf der einen Seite gäbe es Menschen, die sehr religiös seien und auf der anderen Seite Menschen, die den Kontakt mit ihren Wurzeln gänzlich verloren hätten. Der Gedanke einer EU-Mitgliedschaft der Türkei sei zwar begrüßenswert. Die türkische Bevölkerung müsse sich aber die Fragen stellen: Was wollen wir in der Zukunft sein? Sind wir eine Brücke? Oder werden wir das Land, das als erstes kolonisiert wird?
Den Türken in Deutschland rät Ramadan davon ab eigene Schulen zu gründen. Es soll keine Parallelgesellschaft aufgebaut werden. Muslimische und nicht-muslimische Schüler und Studenten sollten in der Lage sein, so Ramadan, gemeinsam zu lernen. Natürlich gäbe es Einschränkungen in den staatlichen Schulen, etwa hinsichtlich des Religionsunterrichts und muttersprachlichen Unterrichts. „Aber ich glaube, diese Art von Bedürfnissen können in außerschulischen Kursen kompensiert werden.“
Ramadan lehrt weiterhin an der Universtität Oxford.(ab)
4.10.2009
Tag der offenen Moschee: Muslime und Nichtmuslime gehen aufeinander zu
Am gestrigen Samstag luden über 1000 Moscheen in Deutschland zum Besuch in ihre Gemeinden ein. Im letzten Jahr nutzen etwa 100.000 Besucher das Angebot.
Die Moscheen boten Gelegenheiten der Begegnung und des Gesprächs. In vielen Moscheen gab es neben orientalischem Gebäck auch Moscheeführungen, Podiumsdiskussionen, Ausstellungen oder Büchertische. Das Motto des diesjährigen Tages, zu dem auch die Mitglieder des Koordinationsrates (DITIB, IRD, VIKZ und ZMD) einluden war: „ Moscheen – Ein fester Teil der Gesellschaft 60 Jahre Bundesrepublik und seine Muslime“.
Der Tag der offenen Moschee geht auf eine im Jahre 1997 gestartete Initiative des Zentralrats der Muslime in Deutschland zurück und entwickelte sich im Laufe der Jahre zum Selbstläufer. Der bewusst gewählte Zeitpunkt am Tag der Deutschen Einheit soll das "Selbstverständnis der Muslime als Teil der deutschen Einheit und ihre Verbundenheit mit der Gesamtbevölkerung zum Ausdruck bringen", so der scheidende KRM-Sprecher Dr. Ayyub Köhler vergangene Woche. Sein Nachfolger Bekir Alboga erwartet den Ausbau des Dialoges mit der neuen schwarz-gelben Regierung.
Kundgebung „für ein offenes Europa für alle - gegen antimuslimischen Rassismus“ in Berlin
Unter dem Motto „Für ein offenes Europa für alle - gegen antimuslimischen Rassismus“ riefen am Samstag in Berlin verschiedenste Verbände, Religionsvertreter, Publizisten, Vereine und Parteien zu einer Kundgebung auf, darunter Grüne, Linke, kirchliche Einrichtungen und der Zentralrat der Muslime.
Die Teilnehmer der Kundgebung an der Berliner Gedächtniskirche wollten ein Zeichen setzen, gegen eine Demonstration des Vereins „Pax Europa“, der unter dem Slogan der „Bewahrung der christlich-jüdischen Tradition“ vorgibt, gegen eine „Islamisierung“ vorgehen zu wollen.
Generalsekretär Aiman Mazyek vom Zentralrat bedankte sich in seiner Rede bei den Teilnehmern der Kundgebung gegen Rassismus, die aus einem „bunten Strauß ans Institutionen und Menschen des öffentlichen Lebens“ bestünden. Menschenverachtende Handlungen, „ganz gleich ob sie sich gegen Juden, Christen, Muslime oder Mitmenschen ohne Glauben richtet, bedeuten ein Angriff auf den demokratischen Rechtsstaat und sind eine Gefahr für die Grundfesten unserer Gesellschaft“, so Mazyek. Er warnte davor, dass Hass nicht zu Gegenhass führt. Anschließend rief Mazyek die Menschen auf, vom Tag der offenen Moschee Gebrauch zu machen und für einen Besuch in einer muslimischen Gemeinde zu nutzen: „Jedes Jahr öffnen hunderte Moscheen ihre Pforten, öffnen tausende Muslime ihre Herzen und kommen ebenso tausende Bürgerinnen und Bürger ihnen einen Besuch abstatten.“ Mazyek abschließend: „Berlin, bleib bunt – das ist gut so!“
03. 10. 2009
Sarrazin wegen diskriminierender Äußerungen weiter in der Kritik
Die abfälligen Äußerungen über Migranten, die Thilo Sarrazin, Mitglied des Vorstands der Bundesbank und ehemaliger Berliner Finanzsenator, in einem Interview machte, lösten eine Welle der Empörung aus und setzten die Justiz in Bewegung. Die Staatsanwaltschaft prüft nun ob "die Grenzen der Meinungsfreiheit überschritten wurden und sich der Anfangsverdacht für einen strafbaren Inhalt ergibt". Während Migrantenverbände, Gewerkschaften und zahlreiche Politiker Sarrazin kritisieren und ein Parteiausschlussverfahren gegen ihn fordern, erfährt er Zustimmung von Politikern der rechtsradikalen NPD.
Sarrazin hatte der Zeitschrift "Lettre International" gegenüber gesagt, dass "etwa 20 Prozent der Berliner Bevölkerung" ökonomisch nicht gebraucht werde. Außerdem gebe es „eine große Zahl an Arabern und Türken in dieser Stadt, deren Anzahl durch falsche Politik zugenommen hat“. „Ich muss niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staaten ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständige neue kleine Kopftuchmädchen produziert.“
Inzwischen hat Sarrazin sein Bedauern über den Vorfall ausgedrückt. „Die Reaktionen, die mein Interview in Lettre International verursacht hat, zeigen mir, dass nicht jede Formulierung in diesem Interview gelungen war. Das bedauere ich“, sagte er der „Süddeutschen Zeitung“. Seine Absicht sei gewesen „die Probleme und Perspektiven der Stadt Berlin anschaulich zu beschreiben, nicht aber einzelne Volksgruppen zu diskriminieren“. Die deutsche Bundesbank, wo Sarrazin seit Mai dieses Jahres im Vorstand tätig ist, hatte sich zuvor „entschieden in Inhalt und Form von den diskriminierenden Äußerungen von Dr. Thilo Sarrazin“ distanziert.
Indessen wurden Forderungen nach einem Parteiausschlussverfahren gegen den früheren Berliner Finanzsenator laut. „Nach diesen Äußerungen ist Thilo Sarrazin in der Sozialdemokratie untragbar“, sagte die Berliner SPD-Bundestagsabgeordnete Eva Högl gegenüber der „Rheinischen Post“. „Die Parteigliederung, bei der Herr Sarrazin Mitglied ist, sollte ein Parteiausschlussverfahren gegen ihn einleiten. Dafür liegen nun ausreichend Anhaltspunkte vor. Er ist schon lange kein Sozialdemokrat mehr.“, so Högl weiter.
Der SPD-Politiker Vural Öger bezeichnete die Äußerungen als „beschämend, widerlich und skandalös“. Er werde sich beim Parteivorstand für einen Parteiausschluss Sarrazins einsetzen, kündigte er an. Auch der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat kritisierte Sarrazin: "Sarrazin schießt häufig über das Ziel hinaus und macht sich keine Gedanken über die Auswirkungen seiner Aussagen".
Unterstützung erfuhr der frühere Finanzsenator dagegen von der NPD. Sarrazin bringe "die Entwicklung unseres Landes auf den Punkt", sagte ein Sprecher der rechtsextremen Partei. Das Landeskriminalamt (LKA) prüft derweil in Absprache mit der Staatsanwaltschaft, ob in Sarrazins Interview „die Grenzen der Meinungsfreiheit überschritten wurden und sich der Anfangsverdacht für einen strafbaren Inhalt ergibt“.
Thilo Sarrazin sorgte nicht das erste Mal für Entrüstung. Zuletzt war er in Februar 2009 wegen seiner Äußerungen über sozial Benachteiligte in die Kritik geraten, als er erklärte, wie Arbeitslose sich schon für 3,76 Euro täglich „völlig gesund, wertstoffreich und vollständig ernähren“ könnten. Dies liege sogar unter dem Regelsatz von 4,25 Euro pro Tag, so dass noch etwas zum Sparen übrig bliebe.(fy)
Obama: Islam ist eine großartige Religion
US-Präsident Barack Obama hat den Islam bei einem Iftar-Essen im Weißen Haus als eine "großartige Religion" mit einem "starken Engagement für Gerechtigkeit und Fortschritt" gelobt. Gelobt wurden zudem erfolgreiche Muslime, daneben die Bemühungen der muslimischen Studentin Nashala Hearn, mit ihrem Kopftuch studieren zu dürfen.
Dem Brauch aus der Clinton-Zeit, Muslime während des Fastenmonats Ramadan zu einem Iftar-Essen ins Weiße Haus einzuladen, folgte auch der neue US-Präsident Barack Obama. Eingeladen waren Repräsentanten verschiedener islamischer Verbände in den USA sowie mehrere Kabinettsmitglieder. Mit Keith Ellison und André Carson waren auch die beiden einzigen muslimischen Kongressabgeordneten anwesend. Zugegen war außerdem auch der israelische Botschafter von Washington, Michael Oren.
Der Islam sei ein fester Bestandteil der amerikanischen Gesellschaft, so der US-Präsident. Er versprach, gemeinsam werde man verstärkt an der Vision einer "besseren und hoffnungsvolleren Welt" arbeiten. Die Gebote des gesegneten Monats Ramadan würden an die Gemeinsamkeiten des Christentums mit dem Islam erinnern, sagte Obama weiter.
Während des Essens erinnerte Obama zudem an den Erfolg der muslimischen Schülerin Bilkis Abdül-Kadir, die mit ihren Schulnoten den besten bundesweiten Schulrekord in der Hand halte. Ihr Erfolg sei nicht nur für Muslime, sondern für die ganze Gesellschaft eine Quelle der Inspiration.
Obama fand außerdem lobende Worte für den weltbekannten muslimischen Boxer, Mohammad Ali, der an dem Essen nicht teilnehmen konnte.
Die Religionsfreiheit in Amerika sei sehr wichtig, sagte Obama ferner, der den Kampf der muslimischen Studentin, Nashala Hearn, von Oklahoma, mit ihrem Kopftuch frei nach ihrem Glauben studieren zu dürfen, lobte. „Toleranz statt Misstrauen“ sagte Obama auch und erinnerte daran, dass Hearn mit ihrem Kopftuch solidarisch von ihren Kommilitonen unterstützt wurde.
Obama hatte neben Muslimen auch Vertreter anderer Religionen zum Essen eingeladen. Unter den Gästen waren neben den Konsuln der islamischen Länder auch die Botschafter von Frankreich, Israel und Deutschland anwesend. „Alle Religionen haben Gemeinsamkeiten, wodurch es wert ist, sich um den gemeinsamen Nenner zu bemühen“, so Obama. (ab)
http://www.youtube.com/watch?v=YfUZCul_gCM
Telefonseelsorge für Muslime
In Berlin gibt es das erste muslimische Seelsorgetelefon. Vor allem Frauen suchen dort bisher Rat und Trost.
VON ALKE WIERTH
Der Druck, unter dem die Anruferin steht, ist hörbar. Zwanzig Minuten redet sie, erst dann kommt ihr Gesprächspartner zu Wort. Die junge Frau hat ein familiäres Problem: Ein Geschwister hat sich hoch verschuldet, die finanzielle Not lastet nun auf der ganzen Familie. Die Beziehung der Eltern, auch die der Geschwister untereinander kriselt. Die Anruferin leidet darunter, fühlt sich überfordert, fragt sich aber auch, wie viel Verantwortung sie in dieser schwierigen Lage übernehmen muss.
Die junge Frau ist Muslima. Mit ihrer Not hat sie sich an das erste muslimische Seelsorgetelefon in Deutschland gewendet, das seit Anfang Mai in Berlin existiert. 22 ehrenamtliche BeraterInnen, alle Muslime, nehmen seither täglich von 16 bis 24 Uhr Anrufe aus ganz Deutschland entgegen. Über 70 waren es bislang - mehr als drei pro Tag, mit steigender Tendenz.
Er habe, erinnert sich der Seelsorger, der von dem Gespräch mit der Anruferin aus der schuldengeplagten Familie erzählt, der Frau dabei helfen können, die Situation aus ihrer eigenen Perspektive zu sehen: "Wie kann sie Grenzen ziehen, ohne unter dem Gefühl zu leiden, sie lasse ihre Familie im Stich." Übereine Stunde hat das Gespräch gedauert - um Religion ging es kaum. "Wir haben auch über Gebete gesprochen, die in einer solchen Lage Trost spenden können", erzählt der Berater, der wie alle Telefonseelsorger anonym bleibt.
Religion stehe selten im Mittelpunkt bei den Gesprächen, die die muslimischen SeelsorgerInnen führen, erklärt Imran Sagir. Der35-Jährige ist Geschäftsführer des muslimischen Seelsorgetelefons. "Wir machen ja keine Beratung in religiösen Fragen", sagt Sagir. Dafür seien die MitarbeiterInnen auch gar nicht qualifiziert. Wichtig sei für die AnruferInnen aber der religiöse Bezugsrahmen, der häufig Alltagsstrukturen und soziale Beziehungen prägt- sich etwa in einem ausgeprägten Verantwortungsgefühl gegenüber der Familie ausdrücken könne, wie im Fall der jungen Anruferin. "Unsere MitarbeiterInnen kennen und verstehen das", so Sagir.
Dass mehr als drei Viertel der AnruferInnen Frauen sind, findet der indischstämmige Muslim wenig überraschend - und ebenso wenig speziell muslimisch. Auch bei kirchlichen Seelsorgetelefonen riefen zu 70 Prozent Frauen an. "Männer öffnen sich eben seltener", vermutet Sagir. Dass sie weniger Probleme haben, glaubt er nicht: "Sie denken aber eher, dass sie alleine damit fertig werden müssten."
Vielleicht ändert sich das ja bald. Die Anonymität, die das Seelsorgetelefon bietet, erlaubt, Dinge anzusprechen, die im Freundes- und Familienkreis, aber auch in der Moschee nicht besprochen werden können. Werbung für das neue Angebot läuft bisher vor allem über das Internet und Mund-zu-Mund-Propaganda in den Gemeinden. Die Resonanz ist bislang nahezu ausschließlich positiv, berichtet Imran: "Von den Imamen, die wir zu Informationsveranstaltungen über das Seelsorgetelefon eingeladen haben, sind zwei heute selbst als ehrenamtliche Mitarbeiter tätig." So gut habe ihnen die Idee gefallen.
Selbstverständlich ist diese Akzeptanz nicht. Ausgebildet wurden die muslimischen Seelsorger nämlich von ihren christlichen Kollegen. Auch die kleinen, aber lichtdurchfluteten Räume, in denen die Muslime arbeiten, befinden sich in einem Haus der katholischen Caritas. Miete und Sagirs Geschäftsführerstelle werden von der international tätigen Hilfsorganisation Islamic Relief bezahlt.
Noch vor zehn Jahren, glaubt Sagir, hätte ein Angebot mit solch ökumenischem Hintergrund kaum Erfolg gehabt: "Manche Gruppen unter den muslimischen Einwanderern hätten eine solche Zusammenarbeit abgelehnt.“Doch heute ist manches anders. Unter den SeelsorgerInnen finden sich Muslime verschiedenster Herkunft und unterschiedlichster Glaubensrichtungen des Islam. Gespräche mit Ratsuchenden finden dennoch meist auf Deutsch statt: Der kleine Mitarbeiterstab hat nicht jederzeit jede Muttersprache parat. Die meisten AnruferInnen gehörten zur zweiten Einwanderergeneration, so Sagir: "Wer kein Deutsch kann, nimmt unser Angebot bisher kaum wahr." Bald soll es deshalb auch Sprechzeiten in türkischer und arabischer Sprache geben.
Tel.: (0 30) 44 3509 821
Quelle: taz.de erschienen am 25.05.2009
Die muslimische Wählervereinigung BFF - ein Beitrag zur Integration?
„Wir brauchen eine Bündelung demokratischer Interessen im demokratischen System – keine weitere Zersplitterung“. Mit diesen Worten kommentiert Bülent Ucar, Islamwissenschaftler und Professor für muslimische Religionspädagogik an der Universität Osnabrück, die Gründung der muslimischen Wählervereinigung „Bündnis für Frieden und Fairness“ (BFF) in Bonn. Das Bündnis präsentierte sich an diesem Mittwoch in Bonn der Öffentlichkeit. Die Vereinigung ist am 30. Juni aus einer Initiative des Rats der Muslime in Bonn entstanden und tritt in der Bundesstadt bei der Kommunalwahl am 30. August an. Mitglied kann jeder parteiunabhängige Bürger mit aktivem Wahlrecht in der Stadt Bonn werden.
„Vereinen statt spalten, anerkennen statt tolerieren, dem Frieden deine Stimme geben“.
So lautet die Wahlwerbung der Vereinigung, welche die Parteivorsitzenden Haluk Yildiz und Jürgen Kannich auf der Pressekonferenz am vergangenen Mittwoch in Bonn bekannt gaben. In Bonn leben rund 29 500 Muslime, das sind 9,3 Prozent der Gesamtbevölkerung. Kann die Partei zur Integration der Muslime in Deutschland beitragen? Der muslimische Religionspädagoge Bülent Ucar ist skeptisch:
„Ich glaube, dass es viel nützlicher, viel effektiver und auch viel mehr im Sinne der Muslime in Deutschland wäre, wenn Muslime sich in den etablierten Parteien einsetzen würden statt eigenständige Parteien zu gründen und aufzubauen, weil ich denke, dass man über diese Schiene viel mehr erreichen kann als mit eigenen Parteien. Auch wenn diese Partei meinetwegen in die Stadträte oder in den Ladtag kommen könnte mit 5, 6, 7 Prozent vielleicht in den nächsten 10 bis 20, Jahren – halte ich das dennoch für problematisch, weil ich denke, dass wir sozusagen eine Bündelung der unterschiedlichen Interessen im demokratischen System brauchen und nicht eine weitere Zersplitterung.“
Doch warum gründet sich gerade jetzt eine muslimische Partei in Deutschland? Nach Ansicht von Ucar ist die Gründung des BFF möglicherweise Anzeichen für die Schwäche der großen deutschen Parteien.
„Andererseits müssen sich die etablierten Parteien wiederum die Frage gefallen lassen, warum möglicherweise bestimmte Muslime Anlass sehen, eigenständige Parteien aufzubauen und zu gründen. Also da sollte man auch mal selbstkritisch in die eigenen Reihen schauen. Faktum ist, dass die etablierten Parteien in Deutschland sich vielleicht in der Vergangenheit nicht in dem Maße um Muslime und deren religiöse Belange, aber auch um spezifische Migrationsprobleme und Integrationsprobleme gekümmert haben – das mag ein Grund dafür sein.“
Stimmten zum Beispiel vor zwei Jahren noch 52 Prozent der wahlberechtigten Muslime in Deutschland für die Sozialdemokraten, so sind es aktuell nur noch 35,5 Prozent (SPD-Umfrage). Das berichtet die „Frankfurter Rundschau“ vom Mittwoch unter Berufung auf eine noch unveröffentlichte Studie des Zentralinstituts Islam-Archiv in Soest. Neben politischem Engagement muslimischer Bürger in bereits etablierten Parteien plädiert Ucar weiterhin für Integration und Engagement der Muslime im Alltag:
„Grundsätzlich würde ich es begrüßen, wenn sich Muslime in Deutschland weiterhin sozialpolitisch engagieren würden, die Staatsbürgerschaft des Landes hier annehmen würden, sich hier viel mehr heimisch fühlen werden und zugleich auch in dieser Form durch die Mehrheitsgesellschaft akzeptiert würden. Und da denke ich, müssen wir noch einen langen Weg gemeinsam gehen.“
05.07.2009
Aus Islamhass im deutschen Gerichtssaal ermordet

Alexander W. tötet die Muslima Marwa im Gericht, nachdem er sie zuvor als „Terroristen und Schlampe“ beschimpfte. Radikale Hetzer im Internet bereiten schon seit Jahren den Boden für den gewalttätigen Rassismus gegen Muslime
Islamfeindlichkeit nicht verharmlosen - Wie Opfer zu Tätern gemacht werden
Alexander W. hat die getötete Frau als „Islamistin, Terroristin und Schlampe“ bezeichnet, weil die Kopftuch-tragenden Frau Marwa E. ihn damals bat, die Kinderschaukel auf einen Dresdener Kinderspielplatz für ihren Sohn frei zu machen.
Der Angeklagte wurde wegen seines Hassdeliktes an Frau Marwa W. gerichtlich verurteilt. Nach der Verurteilung Ende 2008 bekam der arbeitslose Lagerfacharbeiters vom Dresdner Amtsgericht einer Geldstrafe von 780 Euro wegen Beleidigung aufgebrummt. Doch die Staatanwaltschaft legte wegen der milden Strafe, die die Richter in Dresden verhängten, Berufung ein.
Während das mediale Interesse über die diese Tat eher einen Randnotiz darstellte - schließlich passieren ja fast tagtäglich in Deutschland solche Fälle - wurden im Internet auf den mittlerweile einschlägigen und jedem Sicherheitsexperten bekannten Seiten die ersten Hassbotschaften über den Fall ausgetauscht.
Diese Hetze tritt vermehrt bei solchen Ereignissen auf, sie findet dann unkontrolliert und volksverhetzend in den Diskussionsforen der Islamhassseiten ihre Ausbreitung.
Meist wird dann dort der Betroffene - oder wie in diesem Fall das Opfer - zum Täter degradiert, es wird ihm sogar nahe gelegt, dass es sich nicht so anstellen solle, schließlich sind doch „alle Muslime Terroristen“ und es solle doch froh sein, dass man die Muslime in Deutschland bisher „in Ruhe lässt“; dann folgt die altbekannte Propaganda, dass die Islamfeindlichkeit nur eine Erfindung der Muslime in Deutschland sei, um die Islamisierung „geschickt“ voran zu treiben.
Das beunruhigende und bisher kaum in der Öffentlichkeit thematisierte und von den meisten Politikern sträflich unterschätze Problem dabei ist: Von dieser Denke und der Vorstellung lassen sich mittlerweile auch Menschen aus der Mitte der Gesellschaft, also nicht nur „durchgeknallte Nazis“, anstecken.
Erreicht haben diese obskuren Vorstellungen unbemerkt auch Teile der Mainstream-Presse. Wissenschaftler beobachten und beschreiben mit Sorge seit einiger Zeit dieses Phänomen und islam.de berichtet seit Jahren darüber ausführlich.
Tathergang und Hintergründe - Wie Islamhassseiten den Weg für den gewalttätigen Rassismus gegen Muslime ebnen
Im Gegensatz zu dem nun wegen Totschlags angeklagten Alexander W. arbeitete Marwa E. seit 2005 als Apothekerin und ihr Mann Ali W. ist Stipendiat am renommierten Max-Planck-Institut. Dennoch wurde die leidgeprüfte Familie Ziel rechtsextremer Propaganda. Es gilt deswegen für die Ermittlungsrichter auch zu prüfen, inwieweit Alexander W. von der Gehirnwäsche dieser einschlägig bekannten rechtsextremen Seiten („Politically Incorrect", „Pro Köln", grüne-pest.net um nur einige zu nennen) erfasst wurde und sich berufen sah, was bisher „nur“ in den Foren gehetzt wurde, auch auszuführen.
Denn diese antimuslimische Hetze bereitet seit Jahren den Boden für Hass gegen Muslime. Bisher wurden diese Warnungen – bis auf Ausnahmen – klein geredet. Wer sich dennoch dagegen verwahrt und dies öffentlich macht - wie z.B. der Generalsekretär des ZMD, Aiman Mazyek, oder der SPD-Bundestagsabgeordnete Sebastian Edathy - sieht und sah sich einem gefährlichen pöbelnden und kaum zu bändigenden Mob gegenüber.
Dies sind gefährliche und äußerst beunruhigende antidemokratische Entwicklungen in Deutschland, die das Bundeskriminalamt und der Verfassungsschutz noch ernster als bisher beobachten sollte.
Edathy forderte unlängst, dass das Politcally Incorrect vom Verfassungsschutz beobachtet werden sollte. Beim Zentralrat der Muslime werden bereits seit Jahren im Rahmen der Sicherheitsgespräche justitiable Hassbriefe und Mails an prominente Mitglieder des ZMD von den Sicherheitsbehörden ausgewertet und verfolgt.
Anteilnahme und Bittgebete für die getötete Muslima, ihrer Familie und Angehörigen
Dies ist ein schreckliches und für die Angehörigen unvorstellbares Verbrechen. Doch so überraschend kommt es halt doch nicht um die Ecke, wie einige Kommentatoren wider besseren Wissens meinen beschreiben zu müssen. Der Nährboden wird seit geraumer Zeit für solche Taten bereitet. Alle demokratischen Kräfte aus Politik, Kultur und Religion müssen aufstehen, dürfen diese Kräfte nicht bagatellisieren. Hingucken und nicht Weggucken ist das Gebot der Stunde, auch wenn die Wunde noch so schmerzt.
Unsere Gesellschaft muss sich endlich bewusst werden, dass wenn unter dem Deckmantel der Pseudo-Islam-Aufklärung weiter kontinuierlich Hass gegenüber den Muslimen gesät wird, immer häufiger diese Worte auch in Taten umgesetzt gesetzt werden – im schlimmsten Fall wie geschehen mit Todesfolge.
Nach dem schrecklichen Verbrechen gilt die Anteilnahme und unser Bittgebet der getöteten Ehefrau und Mutter, ihrer Familie und ihren Angehörigen. Es handelte sich nicht um einen bloßen Streit um eine Schaukel.
Ministerpräsident aus Sachsen hat sich noch nicht geäußert - Ägyptische Botschaft kümmert sich - Erste Reaktionen der Muslime
Sachsens Justizminister Geert Mackenroth (CDU) zeigte sich nach einem Besuch des Tatortes entsetzt und schockiert. Er sprach von einer unbegreiflichen Tat. "In dieser Stunde sind meine Gedanken bei dem Opfer und seinen Angehörigen. Der Familie gilt mein tiefempfundenes Mitgefühl." Eine Gerichtssprecherin kommentierte zusammenfassend den Fall so: "Dies ist der Super-Gau".
Nachdem ägyptische Botschaftsangehörige zunächst keinen Zugang zum dreijährigen Sohn der Getöteten hatten, befindet er sich nun in der Obhut der Schwester des immer noch im Krankenhaus liegenden Ehemannes. Sie ist, so wie der Bruder der Toten, am Freitag aus Kairo angereist und wird das Kind mit nach Ägypten nehmen.
Die ägyptische Botschaft in Berlin hat zwei Mitarbeiter nach Dresden abbestellt, um sich um den Sohn, Ehemann und die Verwandten vor Ort zu kümmern. Außerdem kommuniziert die Ägyptische Botschaft die Geschehnisse in die ägyptische und arabischsprachige Öffentlichkeit, die den Fall natürlich sehr besorgt betrachtet.
Bisher hat der sächsische Ministerpräsident Stanislaw Tillich noch nicht der Familie kondoliert oder seine Anteilnahme öffentlich geäußert.
Für morgen und die nächsten Tage haben Muslime erste Trauermärsche in Berlin, Dresden und in Köln angekündigt. Hoffentlich werden diese besonnen durchgeführt.
Inna lillahi wa ilayhi raji’un – Zu Allah gehören wir und zu ihm kehren wir zurück.
Möge Allah unserer Schwester Marwa Seine Barmherzigkeit zu Teil werden. Amin!
Beerdigung von Marwa S. in Alexandria am 6.7.2009

Nachruf für Marwa von ihrer Freundin Julia
On July 1st, 2009 my friend, Marwa El Sherbiny, was killed in a German
courtroom. She was there to bear witness against a man who had
harassed her in a Dresden park where she was playing with her infant
son. This man had called her a terrorist because she wore the hijab,
the Islamic headscarf. Marwa had chosen to defend her rights and her
dignity by taking legal action. She won the libel case and was in
court again to testify at the appeal. Before she had the chance to do
so, the same man pulled out a knife and stabbed her to death. She was 32.
When I first heard the news, all I felt was shock and anger. Anger
that such a dear person was gone at such a young age; anger that her
young son no longer had a mother to hold him tight. Anger that this
is what ignorant, senseless hatred has brought us to. I’m angry that
careless politicians, spouting fearful rhetoric, created a climate
where a mother could be murdered in front of her son, in a court of
law, and our society responds with a deafening silence. I imagine I
will continue to feel angry for a long time to come, but constantly
piercing through that anger, and often overshadowing it, is the memory
of a beautiful, kind face and a tender heart.
I met Marwa in 2000 on the first of many trips to her home city of
Alexandria, Egypt. One of my strongest memories from that first visit
to Egypt was seeing Marwa after she had just decided to start wearing
the hijab. As a ‘westerner’ and an outsider I was shocked by her
transformation, but not for the reasons one might expect. I was
stunned because she was absolutely beautiful. It was not that she
wasn’t beautiful before, because she was, only it had become a
different sort of beauty. She shined. She looked like an angel. And
Marwa was an angel in every way: incredibly strong and extraordinarily
gentle. One of the first times I was struck by the beauty of Islam
was when I saw it reflected in her face. I will miss one of the most
generous souls that I was fortunate enough to be touched by.
Marwa had the strength to stand up for the truth, to stand against
discrimination and hatred. She is an example to all Muslim women,
like myself, who have silently faced the kind of insults that are
sadly becoming a more common reality. Her action was an action to
protect us all. I hope and pray that we can follow her example so
that her struggle, her loss, will not be in vain.
I will pray for her, I will pray for her little boy, I will pray for
her husband, and brother, and mother, and father, and friends – and I
will pray for a better world for all of us.