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14.05.2009

Baden-Württemberger Muslime diskutieren mit Politiker der Landtagsfraktionen über 5 Jahre Kopftuchverbot für muslimische Lehrerinnen

Am Mi, den 13.5.2009 fand im Kulturhaus Arena (Stuttgart) eine Podiumsdiskussion zu 5 Jahre Kopftuchverbot mit Politiker der Landtagsfraktionen in BW, den ehemaligen Richter des Bundesverfassungsgerichtes und den Muslimen statt.

 Ca.300 Teilnehmer kamen, um ihre Sorgen und Ängste zum Ausdruck zu bringen.

Anwesend war Volker Schebesta von der CDU, Andreas Stoch von der SPD, Winfried Kretschmann von den Grünen und Hagen Kluck von der FDP/DVP Fraktion. 

 Frau Dr.Taraji vertrat die muslimische Seite. Durch das Podium führte die Rechtanwältin Ayse Akpinar.

 Herr Prof. Mahrenholz, ehemaliger Richter am Bundesverfassungsgericht sagte: „Das Kopftuchverbot für Lehrerinnen in Baden-Württemberg sei verfassungswidrig.  Es reicht nicht aus, dass sich die Kleidung vom europäischen Kulturkreis abhebt und Ausdruck einer fremden Kultur, Religiosität oder Geisteshaltung ist. Für Maßnahmen der Schulverwaltung ist erst dann Raum, wenn ernsthafte Anhaltspunkte für eine indoktrinierende Grundeinstellung erkennbar sind. Ansonsten entstehen durch das Tragen des Kopftuchs für Kinder und Eltern keine unzumutbaren Belastungen und damit auch keine unzumutbaren Einschränkungen ihrer Religionsfreiheit, auch eine psychische Beeinflussung der Schülerinnen und Schüler ist nicht zu befürchten. Denn das Kopftuch kann nicht losgelöst von seiner Trägerin gesehen werden. Die Lehrerin wirkt im Unterricht mit ihrer ganzen Persönlichkeit, ihre Wirkung ist gerade nicht auf das Tragen des Kopftuchs reduziert. Bei Verdacht auf Missionierung muss im Einzelfall geprüft werden.“

Die Ra. Ayse Akpinar bemängelte, dass bisher vor allem über Kopftuchträgerinnen geredet worden ist statt mit ihnen. Die Konrad-Adenauer-Stiftung hat erstmals türkischstämmige Frauen befragt: Die Ergebnisse der Studie sind zwar nicht repräsentativ - verraten aber manches über die Motive, wieso sich Musliminnen verschleiern. Fast alle befragten Frauen (97 Prozent) gaben an, dass sie das Kopftuch aus religiösen Gründen tragen. Die Entscheidung, sich zu verhüllen, werde nur selten von Personen außerhalb des engen Familienkreises beeinflusst. Ein großer Teil der Kopftuch tragenden Frauen jedoch fühlt sich in Deutschland zurückgesetzt.

Herr Schebesta von der CDU verteidigte die Neutralität des Staates. Man müsse die Werte des Abendlandes wie Humanismus und Aufklärung schützen. Man wolle kein Konfliktpotenzial in den Schulen zulassen und habe deshalb dem Kopftuchverbot zugestimmt. Herr Kluck von der FDP/DVP Fraktion sah durch das Kopftuch die negative Religionsfreiheit der Schülerinnen und Schüler gefährdet. Die Lehrerinnen dürfen zwar ihr Kopftuch tragen, nur im Unterricht sollen sie es abnehmen.

Herr Stoch von der SPD ist für ein Verbot mit Erlaubnisvorbehalt. Man dürfe nicht allen Lehrerinnen Missionierung vorwerfen.

Herr Kretschmann von den Grünen ist für eine "Regelung der Erlaubnis zum Tragen von Bekleidungsstücken, durch die ein religiöses oder weltanschauliches Bekenntnis bekundet wird mit dem Vorbehalt eines Verbotes in Fällen, in denen dadurch der Schulfriede gefährdet oder gestört wird". Kretschmann: "Wir müssen das Kopftuch selbst entpolitisieren. Es kommt nicht auf das Kopftuch an, sondern auf den Kopf. Also den Islam einbürgern und den Islamismus bekämpfen. Deswegen müssen wir nicht das Kopftuch bekämpfen, sondern Islamisten. Die sind in aller Regel männlich, tragen also sowieso kein Kopftuch."

Frau Taraji findet es entwürdigend, dass eine gebildete, emanzipierte Frau an einem Stück Stoff gemessen wird. Glaubens-, Gewissensfreiheit und das Recht auf freie Wahl wird in Frage gestellt.

Dieses Verbot stürze muslimische Frauen in Gewissenskonflikte. Gegen sie würden Disziplinarverfahren eingeleitet und sie werden so stark unter Druck gesetzt, dass einige daran zerbrechen würden. Sie werden gezwungen, sich entweder für den Beruf oder für ihre selbstbestimmte islamische Lebensart zu entscheiden. Die Schule soll zum gegenseitigen Respekt und Akzeptanz erziehen. Das Kopftuch gehöre in einer multikulturellen Gesellschaft inzwischen zur Normalität. Bei dem heutigen Lehrermangel sollte man eine ganze Gruppe von qualifizierten Lehrerinnen nicht leichtfertig ausschließen.

Ayse Akpinar von der islamischen Glaubensgemeinschaft betonte noch mal, dass Frauen die freie Wahl haben sollten: Keine soll diskriminiert werden, weil sie sich für oder gegen ein Kopftuch entschieden hat.

Erfahrungen in BW, NRW und Niedersachsen der letzten Jahrzehnte hätten gezeigt, dass Lehrerinnen zur Zufriedenheit der Eltern, Schülerinnen und Schüler sowie des Kollegiums ihren Schuldienst versehen und an der Kopfbedeckung bisher niemand Anstoß genommen hatte. Empirische Studien stehen hierzu noch aus.

Auch das Publikum berichtete über negative Erfahrungen:

Das Verbot wirke sich auch auf andere Arbeitsbereiche aus. Es seien Fälle bekannt, dass junge Frauen, die ein Kopftuch tragen, kein Praktikumsplatz und später auch keine Ausbildungsstelle erhielten. Das Kopftuchverbot im Land verstoße gegen das grundgesetzlich verankerte Recht der freien Berufsausübung.

 

Gegen das Verbot werden Unterschriften gesammelt: kopftuchverbot_nein@gmx.de

 

Ausgefüllte Listen bitte per E-Mail (s. oben), Fax (0711/4600572)

oder an IGBW, Ulmerstr. 172, 70188 Stuttgart

 

DITIB Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion e.V.

IGBW Islamische Glaubensgemeinschaft Ba.-Wü e.V.

LVIKZ Landesverband der islamischen Kulturzentren 

 

Auch in unserem Forum könnt ihr eure Erfahrungen und Meinungen zu dieser willkürlichen Ausgrenzung kopftuchtragender Frauen schreiben.

 

Protest gegen Kopftuchverbot:

Muslime fordern Aufhebung der Bestimmung 

Stuttgart. Das Kopftuchverbot für Lehrerinnen in Baden-Württemberg ist nach Ansicht der Muslime nach wie vor verfassungswidrig. Erfahrungen seit Inkrafttreten des Verbots vor fünf Jahren belegten, dass es muslimische Frauen diskriminiere und ihre Integration behindere, sagte der Vorsitzende der Islamischen Glaubensgemeinschaft Baden-Württemberg, Riad Ghalaini, gestern. "Die Bestimmungen im Schulgesetz müssen aufgehoben werden", forderte er. Er wolle jetzt Unterschriften gegen das Verbot sammeln und alle Landtagsfraktionen zu Gesprächen einladen. Nach fünf Jahren Verbot sei es nötig, dieses neu zu bewerten. Baden-Württemberg hatte im April 2004 als erstes Land ein Kopftuchverbot erlassen.

"Das ist heute ein trauriges Jubiläum", sagte Ghalaini. Die vergangenen fünf Jahre hätten bewiesen, dass das Verbot viele Nachteile für muslimische Frauen mit sich gebracht hätte. Auch in mehreren Bundesländern, die dem Beispiel aus dem Südwesten mit vergleichbaren Verboten gefolgt seien. Bundesweit gebe es immer wieder Fälle von Disziplinarmaßnahmen oder Sanktionen gegen Lehrerinnen, die nicht auf ihr Kopftuch verzichten wollen. Auch seien Lehrerinnen schon entlassen worden, andere hätten es schwer, eine Ausbildungsstelle zu finden, so Ayse Akpinar vom Muslimischen Frauennetzwerk Baden-Württemberg. Das betreffe nicht nur den Schuldienst, sondern auch andere Berufe etwa in der Justiz.

Der Streit ums Kopftuch beschäftigt die Gerichte seit einem guten Jahrzehnt. Er gipfelte in einem Grundsatzurteil des Bundesverfassungsgerichts: 2003 entschieden die Karlsruher Richter, dass muslimischen Lehrerinnen das Tragen der Kopfbedeckung im Unterricht untersagt werden kann. Baden-Württemberg war das erste Land, das ein Verbot umsetzte. Das Bundesverwaltungsgericht bestätigte wenig später dessen Rechtmäßigkeit. Mit der Klage der angehenden Lehrerin Fereshta Ludin hatte der Kopftuch-Streit auch einst im Südwesten begonnen. lsw

 

 

 

 

 

5 JAHRE KOPFTUCH-VERBOT!

5 Jahre Entwürdigung

5 Jahre Berufsverbot

5 Jahre Ausgrenzung

der betroffenen muslimischen Frauen

Die Würde des Menschen ist unantastbar.

Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt. (GG Artikel 1).

 

Niemand darf wegen seines Geschlechtes… seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden (GG Art.3), 136.

 

Mit meiner Unterschrift fordere ich den Landtag von Baden-Württemberg auf

 

DAS KOPFTUCHVERBOT AUFZUHEBEN

 

NameAnschriftOrganisationUnterschrift
    
    
    

 

 

 

Organisationen, Gemeinden und Einzelpersonen, die als Erstunterzeichner genannt werden wollen, bitte per E-Mail an:

 

kopftuchverbot_nein@gmx.de

 

Ausgefüllte Listen bitte per E-Mail (s. oben), Fax (0711/4600572)

oder an IGBW, Ulmerstr. 172, 70188 Stuttgart

 

DITIB Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion e.V.

IGBW Islamische Glaubensgemeinschaft Ba.-Wü e.V.

LVIKZ Landesverband der islamischen Kulturzentren

 

 

Aus der Presse: 

  

20. 03. 2009
Verschleierte Wirklichkeit
Der Zwang zur Verschleierung zeigt sich im Westen als Zwang zur Entblößung: Die treibende Kraft dahinter, sagt Kulturwissenschafterin Christine von Braun im Interview, ist dort wie da dieselbe.
 
Zur Person
Christina von Braun lehrt seit 1994 als Professorin für Kulturwissenschaft an der Humboldt-Universität in Berlin.
Publikationen u.a.: Verschleierte Wirklichkeit. Die Frau, der Islam und der Westen. Berlin 2007
     
Das Interview mit Christina von Braun ist eine Textspende aus der neuen Ausgabe von MOMENT, dem Menschenrechtsmagazin von SOS Mitmensch.

Moment: Wenn vom Islam die Rede ist, kommt immer auch das Bild des Frauenverachtenden muslimischen Mannes zur Sprache. Auffallend dabei ist, dass vor allem rechte Männerbünde, die sonst nie gegen Sexismus auftreten, sich plötzlich als Hüter der Frauenrechte darstellen.

Christina von Braun: Genau - und das können Sie schon im 19.Jahrhundert beobachten: Als Ägypten noch britische Kolonie war, gab es einen englischen Gouverneur, der sich in Ägypten für die Befreiung der Frau einsetzte. Er sagte den Männern: Ihr werdet nie ein moderner 
Staat werden, wenn eure Frauen nicht emanzipiert und entschleiert  sind. Aber in England war er Leiter des Männerverbands gegen das weibliche Stimmrecht. Daran kann man sehr genau sehen, wie paradox argumentiert wird: Die Frauen der anderen können sich gerne 
emanzipieren - aber die Frauen im eigenen Land sollen bitte zuhause bleiben.

Moment: Die österreichische Innenministerin hat vorgeschlagen, für Zwangsheiraten oder Ehrenmorde den Straftatbestand ‚Kulturdelikt'  einzuführen: Man müsse ‚die Dinge beim Namen nennen', um bei den Tätern ein ‚Unrechtsbewusstsein' zu schaffen. Ein guter Vorschlag?

Christina von Braun: Ich finde das höchst problematisch. Das ‚Kulturdelikt' relativiert ja eigentlich das Verbrechen. Unser  Gesetzbuch erlaubt es durchaus, Straftaten wie Ehrenmorde oder 
Zwangsheirat zu verfolgen. Dazu bedarf es keines neuen Begriffes. 
Aber wenn man es ein Kulturdelikt nennt, dann sagt man damit: 
Eigentlich kann diese Person gar nicht anders handeln, die Kultur schreibt es ihr ja vor. Außerdem steckt dahinter die Behauptung, Ehrenmorde oder Zwangsheirat seien automatisch Teil der islamischen Kultur. Und das stimmt einfach nicht. Ehrenmord ist ein archaisches 
Ritual, das sich in islamische Gesellschaften hinein erhalten hat und  das in diesen Gesellschaften auch geächtet worden ist. Und bis in die  1950er-Jahre gab es Ehrenmorde auch in Griechenland, in Kreta, und weiterhin auch in Südamerika, also in christlichen Gebieten.

Moment: Während Ehrenmorde in Deutschland - zu Recht - umfangreiche 
Medienberichterstattung nach sich gezogen haben, so werden Morde deutscher Ehemänner an ihren Frauen meist in Kurzmeldungen und als  Familientragödien abgehandelt. Sehen Sie dafür eine Rechtfertigung?

Christina von Braun: Nein. Dass jeden zweiten Tag irgendwo eine Frau von ihrem Ehemann umgebracht wird, weil sie sich von ihm trennen  will, und dass dies nur als Familientragödie betrachtet wird, das ist  wirklich ein problematisches Phänomen, über das sich unsere 
Gesellschaft Gedanken machen müsste. Das christliche Ehe-Ideal hat die Vorstellung genährt, dass die Beziehung von Mann und Frau untrennbar ist. Will sich eine Frau daraus lösen, folgt der Schluss, dass sie gegen die höchste Einrichtung verstoßen hat und des Lebens 
nicht mehr würdig ist. Es gab in den USA bis in die 1970er-Jahre Staaten, die Männern das Recht gaben, ihre Frauen zu töten, wenn sie fremdgegangen waren. Die Logik ist ganz ähnlich wie beim Ehrenmord: 
Beim Ehrenmord steht die Ehre der Gruppe oder des ‚Stammes' auf dem  Spiel, bei der Tötung des Partners, der sich getrennt hat, die Ehre der Ehe.

Moment: Sind weibliche Stereotype - Frauen seien emotionaler,fürsorglicher - in muslimischen Gesellschaften weniger verbreitet als im Westen?

Christina von Braun: Die Idealisierung der Mütterlichkeit ist überall gleich verbreitet. Im Westen ist aber seit den letzten hundert Jahren  ein weiteres Ideal dazu gekommen: Die sexuelle Verfügbarkeit des  weiblichen Körpers jederzeit, auch und gerade im öffentlichen Raum - 
das ist ein weiterer kategorischer Imperativ, der neben das Mutter- Sein getreten ist und der im Islam weniger verbreitet ist.

Moment: Beim Thema Kopftuch gehen die Emotionen hoch: Kaum eine Integrations-Diskussion, bei der nicht über den muslimischen Schleier  polemisiert wird. Warum stürzt sich alles auf das Kopftuch - und  nicht zum Beispiel auf den langen Bart, oder die Gebetskette?

Christina von Braun: Auf das Kopftuch lassen sich alle möglichen Wünsche und Normen projizieren, die zum Teil religiös, zum Teil  politisch sind. Wer einen bestimmten Bart trägt, der hat zwar eindeutig eine Art religiöser Gruppenzugehörigkeit, aber das Kopftuch  ist auch politisch - auch für die Trägerin des Kopftuchs selbst. Das kann man ganz deutlich sehen an den Unterschieden zwischen der  Türkei, wo für einige Studentinnen das Kopftuchtragen zum 
Emanzipationssymbol wird, während im Iran viele Frauen nur unter Zwang den Schleier tragen.

Moment: Kann das Kopftuch für muslimische Immigrantinnen auch Mittel zur Emanzipation sein?

Christina von Braun: Absolut. Das hat man schon in Ägypten sehen können. Als das Land in den 1950er-Jahren allmählich in einen modernen Staat überging, da begannen junge Frauen aus 
nichtstädtischen, teils sogar aus analphabetischen Familien, die in die Stadt gingen, um sich eine höhere Ausbildung anzueignen, plötzlich das Kopftuch zu tragen. Und das gilt in noch stärkerem Maße für Frauen, die aus ihrer Heimat nach Deutschland kommen, die sich  hier Bildung aneignen, aber gleichzeitig nicht aussehen wollen wie eine westliche Frau, sondern ein Bekenntnis ablegen wollen zu ihrer eigenen Kultur.

Moment: In Ihrem Buch 'Verschleierte Wirklichkeit' stellen Sie dem Zwang, sich zu verschleiern, den westlichen Zwang, sich zu entblößen, gegenüber. Ich kann mich aber als österreichische Frau diesem Zwang  der Entblößung doch leichter entziehen als beispielsweise eine 
saudiarabische Frau dem Zwang zur Verschleierung.

Christina von Braun: Das stimmt in Maßen. Der Zwang läuft auf ganz anderen Ebenen im Westen. Wenn Sie sich anschauen, wie viele junge Frauen im Westen bei bitterer Kälte nabelfrei und in kurzen Miniröcken herumlaufen, weil es diesen Gruppenzwang gibt, seine Haut 
zu zeigen, dann wissen Sie, dass es sich hier nicht nur um Freiwilligkeit handelt. Es gibt einen ausgesprochenen Druck auf die westliche Frau, sich zu entkleiden.

Moment: Wer im Westen den Zwang zur Entblößung kritisiert, wird sofort als prüde, verklemmt, sexuell beschränkt dargestellt. Warum ist es so schwer, hier zu differenzieren?

Christina von Braun: Das ist wirklich eine interessante Frage: 
Jährlich werden - laut Aussage von Interpol und der Europäischen Kommission - 500.000 Frauen und Kinder zum Zweck der sexuellen Verfügbarkeit in die Länder der EU importiert. Dort wird immer mit der sexuellen Freizügigkeit argumentiert. Die Parolen der Frauenbewegung - Mein Bauch gehört mir, meine Sexualität gehört mir - werden jetzt zu Instrumenten, mit denen sogar Menschenhandel durchgeführt wird. Das ist höchst problematisch. Die Frage der sexuellen Freiheit wird für einen Zweck missbraucht, der niemals im Sinne der feministischen Emanzipation war.

Moment: Dienen muslimische Frauen den westlichen Frauen auch als Projektionsfläche, um den eigenen Selbstwert zu steigern - hier das unterdrückte, unselbständige, sexuell eingeschränkte Weibchen, da die emanzipierte, selbständige, freizügige Frau?

Christina von Braun: Absolut. Das sehe ich bei jenen Teilen der feministischen Bewegung, die nur das Ziel verfolgen, das Kopftuch herunter zu reißen, und die nicht begreifen, dass man differenzieren muss: Es gibt tatsächlich einige Mädchen oder Frauen, die von ihren 
Familien gezwungen werden, das Kopftuch zu tragen. Aber es gibt auch viele Frauen, die es tragen wollen. Da einfach nur die Parole auszugeben: Kopftuch weg, dann sind diese Frauen emanzipiert, greift viel zu kurz, und dient nur der Selbstvergewisserung der eigenen 
Überlegenheit. Das hat man schon im 19. Jahrhundert gesehen: Die ersten Frauen, die den Orient bereisten, traten immer mit diesem Anspruch auf: Wir leben in einer fortschrittlichen Gesellschaft, in der es Frauen gut geht. Dabei kämpften sie selber noch um ihr 
Stimmrecht und der Zugang zu den Universitäten war ihnen verboten. In dieser Zeit gab es in Ägypten schon längst eine Hochschule, in der Ärztinnen ausgebildet wurden.

Moment: Wenn es gelingt, mit einem kleinen Stück Stoff für solche rovokation zu sorgen, dann wäre das doch gefundenes Fressen für  rebellierende Teenager ohne Islam-Hintergrund: Der Schleier als neues Punk-Symbol?

Christina von Braun: Das ist durchaus denkbar. Wenn man sieht, wie viele meiner Studentinnen mit Röcken über Hosen herum laufen, ohne zu wissen, dass das eine pakistanische Kleidungsart ist, dann halte ich es für denkbar, dass auch junge, aufsässige Frauen sagen: Ich möchte 
ein Kopftuch tragen, wie meine muslimische Nachbarin. Allein um die Bürgerlichen zu ärgern. (Die Fragen stellte Maria Sterkl, dieStandard.at, 20.3.2009)
 

01.03.2009 
Ausländerbeiräte besorgt über Kopftuchsverbots-Debatte

Zweibrücken (ddp-rps). Die Arbeitsgemeinschaft der Ausländerbeiräte in Rheinland-Pfalz (AGARP) verfolgt die Diskussion über ein Kopftuchverbot für Lehrer an Schulen mit Sorge. Die damit einhergehende Stigmatisierung von Menschen mit Kopftuch sei gesellschaftspolitisch äußerst gefährlich, sagte AGARP-Geschäftsführer Miguel Vincente nach einer Mitgliederversammlung der Beiräte am Wochenende in Zweibrücken.
Eine Lehrerin türkischer Herkunft war von der Schulleitung eines Wormser Gymnasiums wegen des Tragens eines Kopftuchs abgelehnt worden. «Diese Ablehnung ist rechtswidrig», betonte Vincente. Die Debatte um ein mögliches Verbot habe zudem zu einer Stigmatisierung der Lehrerin geführt. Das Kopftuch werde mit einer Ablehnung der Verfassung in Zusammenhang gesetzt. Das könne fatale Folgen haben, sagte der Asuländerbeirat. So sei die Frau an eine Schule in Speyer versetzt worden, wo ihr erneut Ablehnung entgegenschlage und Schüler gegen die Lehrerin protestierten. «Wir fürchten um die Folgen der Debatte», fügte der Geschäftsführer hinzu.
Die Haltung der Landesregierung in dieser Frage sei enorm wichtig, betonte Vincente. Bereits 2005 hatte die CDU ein Kopftuchverbot für Lehrer durchsetzen wollen und war damit im Landtag gescheitert. Vergangene Woche hat die Union nun einen neuen Anlauf genommen und einen entsprechenden Gesetzesentwurf vorgestellt. Der Gesetzentwurf der CDU nimmt christliche Symbole ausdrücklich von einem Verbot aus.
http://www.ad-hoc-news.de/auslaenderbeiraete-besorgt-ueber-kopftuchsverbots-debatte--/de/Politik/20078369
 

 

 

27. 02. 2009

 

Kopftuchverbot für Lehrerinnen:
Glaube oder Beruf? Beides!
In acht Bundesländern dürfen Lehrerinnen kein Kopftuch im Unterricht tragen.

Menschenrechtler verurteilen das Verbot - zu Recht, findet BRIGITTE-Redakteurin Claudia Kirsch.Ressortleiterin Politik, Gesellschaft, Beruf

Hält das Kopftuchverbot für eine unerträgliche Bevormundung:

Claudia Kirsch, Ich gestehe: Wenn ich eine Frau mit Kopftuch sehe, habe ich den Impuls, sie forschend anzugucken: Ob sie es wohl freiwillig trägt? Und jedes Mal ärgere ich mich. Über mich. Darüber, dass ich für einen Moment dem Klischee aufsitze, dass muslimische Frauen unters Kopftuch gezwungen werden. Dabei stellt sich für viele gläubige Frauen das Problem genau andersrum: In acht Bundesländern dürfen Lehrerinnen kein Kopftuch im Unterricht tragen. Das ist eine unerträgliche Bevormundung, meine ich.

So sieht es auch Human Rights Watch. Das Verbot ist eine Verletzung der Menschenrechte, zu diesem Schluss kommt die Menschenrechtsorganisation in ihrem am Donnerstag veröffentlichten Bericht: "Diese Gesetze zwingen kopftuchtragende Frauen, sich entweder für ihren Beruf oder für ihren Glauben zu entscheiden", sagt Haleh Chahrokh. Die Autorin der Studie hat über einen Zeitraum von acht Monaten über 30 Betroffene interviewt. "Ich fühlte mich plötzlich wie eine fremde Person", so eine Grundschullehrerin. "Man wird Kopftuchfrau'", sagte eine andere. Einige Frauen zogen wegen des Verbotes um, andere entschieden sich dafür, das Kopftuch im Klassenzimmer abzunehmen - und gerieten deswegen in Gewissenskonflikte. Fast alle fühlen sich ausgeschlossen und fragen zu Recht, warum Lehrerinnen aufgrund ihrer Kleidung und nicht ihres Verhaltens beurteilt werden.

Die Debatte ums Kopftuch wird seit Jahren polemisch geführt. Die einen, die Traditionalisten, geraten in Wallung, weil sie das Kopftuch für ein religiöses Hardliner-Symbol halten. Andere, unter ihnen "Emma"-Herausgeberin Alice Schwarzer und die türkischstämmige Anwältin Seyran Ates, sind der Ansicht, das Kopftuch unterdrücke Frauen. Ein Verbot, so argumentieren sie, sei zu ihrem Schutz.
Und wenn die muslimischen Frauen diesen Schutz gar nicht brauchen oder wollen? Wo sind wir denn? Frauen sollen selbst entscheiden, ob, wie, aus welchen Gründen und in welchen Situationen sie ihren Kopf bedecken oder nicht. Ich verspreche, ich gucke auch nicht mehr blöd. 
http://www.brigitte.de/gesellschaft/politik-gesellschaft/kopftuch-verbot-schule-1008915/

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Auf den Punkt
Von der Gesinnung zur Gängelung
Andrea Dernbach über Feministinnen und das Kopftuchverbot
Berlin -  Es ist still geworden um das Kopftuch der Musliminnen. Zu still. Jedenfalls für ein Thema, das sehr heftig an die Wurzeln des Rechtsstaats geht und damit nicht nur mit ein paar Frauen im öffentlichen Dienst zu tun hat. Und es ist zu hoffen, dass die harte Kritik der Menschenrechtsorganisation "Human Rights Watch" an den Kopftuchverboten von inzwischen acht Bundesländern den Frieden ein bisschen stören. Diese Länder nämlich haben ein Gesinnungsstrafrecht wieder eingeführt, das man nach den Erfahrungen mit dem Radikalenerlass der 70er Jahre endlich überwunden zu haben glaubte.

Ein Staat, der sich anmaßt, seinen Bürgerinnen und Bürgern in die Köpfe zu schauen und ihre Motive zu entschlüsseln, ist auf dem besten Weg, kein demokratischer mehr zu sein. Die Demokratie verlangt zu Recht Gehorsam für ihre Gesetze, sie fordert keine Überzeugungen. Wenn sich das ändert, haben nicht nur Muslime Grund zur Sorge. Und im Falle des Kopftuchs ist nicht einmal klar, für welche Gesinnung es steht: Für Glaubenstiefe? Für Frauenunterdrückung, Islamismus?

Natürlich werden Mädchen und Frauen auch gezwungen, Kopftuch zu tragen - und wo immer das geschieht, muss ihnen geholfen werden. Aber wer mit offenen Augen durch Kreuzberg und Neukölln spaziert, sieht sofort, weshalb es noch getragen wird: Für die türkischen und arabischen Teenies in High Heels und Röhrenjeans, die damit ihre Makeup-Exzesse krönen, ist es ein Accessoire, womöglich ein erotisches Signal. Und für viele andere ein Zeichen an die mehr oder minder sittenstrengen Eltern: Seht her, ich will hier leben, arbeiten, vielleicht Karriere machen, aber ich gehöre immer noch zu euch.

Vielleicht können Kopftuchverbote nur in einem Staat erlassen werden, dessen bürgerlich-liberale Elite sich inzwischen so weit selbst reproduziert, dass ihr das Verständnis für diese bittere Erfahrung des Parvenüs fehlt: Dass man, um oben anzukommen, die Traditionen, Stile, ja manchmal auch die Menschen des eigenen Ursprungs hinter sich lassen muss. Das Kopftuchverbot stellt zudem nur Frauen vor diese Entscheidung. Ob Alice Schwarzer und manche spätberufenen Feministen beiderlei Geschlechts das wirklich wollten?
http://www.tagesspiegel.de/meinung/kommentare/auf-den-punkt/Kopftuchverbot-Feminismus;art15890,2740195
 

 

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