
Ahmad Al-Khalifa
SPAGAT 1:
Warum SPAGAT lernen?

Als eine Schwester an mich die Bitte richtete, ich solle einige Artikel oder eine Kolumne auf der Seite
www.igd-online.de schreiben, habe ich zuerst gezögert, da jeder weiß, dass ich kein Schreiber-, sondern mehr ein Redner-Typ bin. Dann habe ich diese Herausforderung akzeptiert. Ich habe mich entschieden, diese Bitte Folge zu leisten.
Jetzt soll ich Themen suchen, mit denen ich den Lesern dienen und die Seite bereichern kann. Und die Betonung liegt auf beiden Seiten - ICH und den LESERN! Was kann ich? Was erwartet der Leser? Was braucht der Leser? Ein paar Themenbereiche hätten mich interessiert: Familie (gründen, führen, beenden), Geschichte des Islam in Deutschland, Zukunft der Muslime in Deutschland u. a. Und egal, welche Idee ich hatte, habe ich immer einen Roten Faden gesehen: „Islam und deutsche Gesellschaft“. Zwei Bereiche, die unterschiedlich sind und sich trotzdem ergänzen, und nicht mehr zu trennen sind. Viele Muslime haben das Gefühl, zwischen den Stühlen zu sitzen, und ich versuche, zwischen den Stühlen den SPAGAT zu machen. Darum entschied ich mich für eine Kolumne mit diesem Titel.
Ein Spagat ist eine akrobatische Übung, bei der jemand die Beine so weit spreizt, dass sie eine gerade Linie bilden.
Im Deutschen wird der Begriff häufig im übertragenen Sinne benutzt, um auszudrücken, dass jemand zwei (meist argumentativ, aber auch räumlich) gegensätzliche Positionen zu überbrücken versucht. Viele Menschen in Deutschland sind der Meinung, Muslime könnten sich nicht integrieren, da deren Religion dies verbiete oder zumindest nicht leicht mache. Die Geschichte hat aber gelehrt, dass - egal wo der Islam eine Heimat gefunden hat - die Muslime sich nach einer SPAGAT-Phase durchaus wohl gefühlt haben, in ihrer Religion und gleichzeitig in ihrer Heimat, und sie wurden eine Bereicherung und Hilfe für die Gesellschaft.
Die nächste Frage heißt: Wie oft soll meine Kolumne erscheinen? Monatlich oder halbmonatlich? Das Tempo möchte ich nicht bestimmen, sondern ich überlasse es den Lesern und deren Reaktion an spagat@igd-online.de. Das heißt, spürt die Redaktion, dass die verehrten Leser häufig die Kolumne anklicken, dann werde ich häufiger schreiben. Auch wenn Rückmeldungen von den Lesern in Form von Kommentaren, Korrekturen, Rückfragen usw. kommen, dann werde ich bestimmt häufiger den Kontakt zu den Lesern finden. Ich fange mit monatlichen Artikeln an, und später bestimmen wir das Tempo gemeinsam.
Warum „SPAGAT“?
In Deutschland leben mehr als 3,5 Millionen Muslime. Diese Muslime könnte man in Gruppen teilen: Migranten der ersten Generation oder deren Kinder bzw. Enkelkinder, die hier in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, oder deren Ehepartner oder die zum Islam konvertierten Deutschstämmigen. Und egal, um welche Gruppe der Muslime es geht - alle sind Überlebenskünstler. Erlebt man, wie die Muslime in allen Lebensbereichen den mittleren Weg finden, dann sieht man, wie jeder seine SPAGAT-Stellung erreicht.
SPAGAT ist nicht die normale Stellung fürs Leben, aber eine notwendige in bestimmten Situationen. So auch im wahren Leben. Nun braucht man den SPAGAT nicht tagtäglich, aber wenn es nötig ist, dann soll man vorher dafür geübt haben. Dann schützt man sich vor Muskelriss bzw. vor Schmerzen.
Erinnern wir uns an die beiden Kindern Adams. Trotz aller Gemeinsamkeiten konnten sie nicht zusammen leben, und schließlich hatte einer den anderen ermordet. Seitdem haben alle Religionen zur Integration, zu gegenseitigem Respekt und zur Akzeptanz aufgerufen. In den Generationen nach den Kindern Adams wurden die Gemeinsamkeiten immer geringer und die Unterschiede immer größer. Und genau diese Unterschiede machen das Leben bunt und wir können es genießen. Wie wäre es, wenn das Leben schwarz/weiß wäre? Oder auch nur aus den Grundfarben (gelb/rot/blau) bestünde? Nur die unzähligen Kombinationen der Schattierungen und der Farben machen unser Leben schön bunt.
Und so hat Allah uns geschaffen:
[11:118] Und hätte dein Herr es gewollt, so hätte Er die Menschen alle zu einer einzigen Gemeinde gemacht; doch sie wollten nicht davon ablassen, uneins zu sein.
d.h. Allah hat diese Unterschiede absichtlich gemacht, damit wir das Leben genießen können. Unsere Aufgabe - neben dem Genuss - ist das gegenseitige Kennenlernen.
[49:13] O ihr Menschen, Wir haben euch aus Mann und Frau erschaffen und euch
zu Völkern und Stämmen gemacht, auf dass ihr einander erkennen möget.
d.h. Und wer in Frieden leben möchte mit dem Ehepartner, mit den eigenen Kindern, mit den Nachbarn, mit den Freunden oder mit der Gesellschaft, der soll die Unterschiede akzeptieren und zwischen verschiedenen Standpunkten eine Brücke bauen.
Eine andere Art von SPAGAT sehe ich, wenn ich die „Geschichte der Muslime in Deutschland“ lese. Ein Bein in der Vergangenheit, ein festes Bein in der Gegenwart - so bilden die Menschen eine Brücke. Und sie schauen mit Zuversicht in die Zukunft. Das Gesehene ist nicht nur eine „Vision“, sondern mehr ein PROGRAMM.
SPAGAT braucht man auch in der Familie. Ja! Männer sollen Männer sein bzw. bleiben und ihre Frauen verstehen und ideal behandeln. Auch Frauen sollen Frauen sein bzw. bleiben und ihre Männer verstehen und ideal behandeln. Zwischen der Familie während der Kindheit und der eigenen, selbst gegründeten Familie sind Welten, die durch einen SPAGAT überbrückt werden können.
Betrachten wir unsere Individualität innerhalb eines Konstrukts von Familie, Dorf, heimatliche Landschaft, Stadtteil, Stadt, Bundesland, Deutschland, Europa und Weltgemeinschaft, ohne das jeweilige Herkunftsland zu leugnen, dann sehen wir, wie viele SPAGATE nötig sind. Die Väter der Europäischen Union haben diese Realitäten erkannt und den SPAGAT in Form von Brücken auf den EURO-Geldnoten verewigt. Keiner kommt auf die Idee, das Tal zwischen den Bergen aufzufüllen, sondern man baut eine Brücke. Es ist ein Prozess der Akzeptanz und der Erkenntnis: wir brauchen uns gegenseitig und wir können aufeinander nicht verzichten.
MUSLIME und SPAGAT!
Im Koran finden wir eine begrenzte Zahl von Ayat (Versen), die Vorschriften für Lebenssituationen beinhalten. Wenn man sich in der Vielfalt des Lebens religiös und loyal zugleich verhalten will, muss man immer einen SPAGAT machen. Dafür ist in mehr als elf Jahrhunderten eine eigene Wissenschaft in der islamischen Theologie entstanden, nämlich Maqasid a´scharia (= Ziele der Scharia).
Die Gelehrten stellten eine Wertehierarchie auf, bei der im Falle einer Kollision der Werte der höhere zuerst bedient wird, dann der niedrigere.
Das berühmte Beispiel dafür finden wir beim Imam Al-Shafei, einem der vier großen Gelehrten des sunnitischen Islams. Nachdem seine Fatwas (= Rechtsgutachten) im Irak ihre Geltung bekommen hatten, reiste er nach Ägypten, wo er teilweise neue Fatwas aussprach. Als er danach gefragt wurde, führte er dies auf die kulturellen Unterschiede in den beiden Ländern zurück. Er hat damit einen Fatwa-SPAGAT gemacht. Festigkeit im Glauben, Liebe zu den Menschen, Respekt für die Kulturen und eine anstrengende Suche nach Lösungen waren seine Merkmale und Allah hat ihm den Erfolg gegeben.
Ist es nicht so, dass Lebenskünstler unbedingt solche SPAGAT-Stellungen beherrschen sollten?
Das werden wir in den nächsten Artikeln gemeinsam üben.
Und bevor ich es vergesse: so ein Thema lebt von den Beiträgen aller Beteiligten.
Bitte meldet euch unter spagat@igd-online.de
mit euren Ideen, Ratschlägen, Anregungen, Kommentaren, Verbesserungsvorschlägen usw. Darauf freue ich mich jetzt schon.
Wassalam
Euer Ahmad Al-Khalifa
erschienen am 30.3.2009
