09.02.2009
Mit der Hilfe des Allmächtigen
Ich wende mich als praktizierender und orthodoxer Jude mit den nachfolgenden Zeilen vor allem an nicht-jüdische Menschen in Deutschland, die sich aus welchen Gründen auch immer für das Judentum interessieren und gleichzeitig meinen, dass Solidarität mit oder Zuneigung zum jüdischen Volk identisch sein müsste mit der Unterstützung des so genannten Staates „Israel“ oder aber andererseits der Ansicht sind, dass jegliche Kritik an diesem Staat bzw. die Ablehnung desselben „antisemitisch“ sei. Vor allem richte ich meine Zeilen an die in Deutschland lebenden Muslime, um ihnen die Botschaft zu überbringen, dass authentisches Judentum nichts gemeinsam hat mit der zionistischen Ideologie. Das authentische jüdische Volk ist das Volk des Buches, das treu den Geboten der Heiligen Schrift, unseren Propheten, Weisen und Gelehrten folgt und den Frieden mit allen Völkern sucht.
Die zionistische Ideologie hat seit ihrer Entstehung und vor allem seit der Gründung des Staates, der sich "Israel" nennt, unzählige Opfer gefordert — jüdische und nicht-jüdische. Sie hat Millionen von Juden von unserer Heiligen Thora entfremdet und plumpe nationalistische Staatsfanatiker aus ihnen gemacht und ist darüber hinaus die Hauptursache für anti-jüdische Ressentiments in der Welt. Ein Menschenleben zählt jedoch mehr als ein Stück Land! Judentum und Zionismus sind diametrale Gegensätze. Der Zionismus ist eine bösartige Karikatur, eine grausame Entstellung dessen, was Judentum tatsächlich bedeutet.
Die Nationen der Welt akzeptierten leider eine klare Lüge als sie die Zionisten - jene Häretiker, die ihren Staat durch Eroberung und unter dem Namen „Israel“ etablierten - als einen Teil des jüdischen Volkes anerkannten. Die Nationen versetzten die zionistischen Häretiker dadurch in die Lage auch das jüdische Volk selbst zu erobern. Durch diese Aktion und angesichts der Tatsache, dass diese zionistischen Frevler und die Etablierung ihres Staates durch Eroberung keinerlei Beziehung zum jüdischen Volk haben, beschädigten auch diese Nationen das authentische jüdische Volk, seine Thora und seinen Glauben weitaus mehr, als das jüdische Volk jemals durch Araber verletzt worden ist. Nur über die Thora ist das jüdische Volk zu definieren. Das jüdische Volk hat keine Verbindung zu Zionisten, dem Zionismus oder ihrem Staat, den sie unter der Idee des Nationalismus aufbauten. Judentum hat nichts mit Nationalismus zu tun!
Das authentische jüdische Volk steht in strikter Opposition gegen jede Kränkung der arabischen Nation. Die arabische Nation tat dem jüdischen Volk bis zum Anbruch des zionistischen Nationalismus niemals etwas zu Leide. Das jüdische Volk ist durch die Thora dazu angehalten in den Ländern ihres Aufenthaltes den Frieden mit den jeweiligen Regierungen und Völkern zu suchen und nicht gegen irgendeine Nation zu rebellieren, insbesondere dann nicht, wenn es sich um das Heilige Land handelt. Juden, die der Thora folgen, sind weder des Tötens noch der Verletzung anderer Personen überhaupt verdächtig und es ist uns streng verboten an irgendwelchen Gewaltaktionen teilzunehmen, auch und vor allem nicht in Beziehung zu Palästina.
Alle Juden, die an Gott und Seine Thora glauben und die Vorschriften und Gebote der Thora beherzigen, stehen loyal zu den Schwüren, die wir dem Schöpfer ablegten, und sind nicht an der nationalistischen Revolution beteiligt. Wir sind Geiseln unter zionistischer Besatzung. Selbst jene, die in dieses zionistische Projekt einbezogen worden sind, tun dies gegen die Lehren ihres Glaubens und unserer Religion.
Jede Person in der Welt, die an Gerechtigkeit glaubt, muss wissen, dass die gesamte Welt nicht verschont werden wird, wenn es dem zionistischen Experiment weiterhin erlaubt wird, fortzufahren. Viele unschuldige Menschen werden Schaden erleiden. Jede Person, die barmherzig und gerecht ist, muss sich erheben und die Zionisten aufhalten!
Der verbrecherische Krieg des zionistischen Staates gegen die Bevölkerung von Gaza hat die muslimische Welt zu Recht stark aufgewühlt. In öffentlichen Protesten, Demonstrationen und bei den Freitags-Gebeten wurde der Staat, der sich "Israel" nennt, für dieses Massaker überall verurteilt. Unglücklicherweise jedoch artikulieren sich diese Proteste nicht gegen diesen Staat und die zionistische Bewegung allein, sondern sie richten sich häufig auch gegen das jüdische Volk im Ganzen. Ich will jedoch deutlich darauf hinweisen, dass undifferenzierter Hass gegenüber Juden insgesamt mehr als kontraproduktiv ist und den Zionisten letztlich in die Hände spielt, denn Antijudaismus oder Antisemitismus benötigt der Zionismus wie die Luft zum Atmen, weshalb er ihn auch am allerbesten selbst provozieren kann.
Der entscheidende Vorwand, um den zionistischen Staat im Jahre 1948 nach Jahrzehnte langer ideologischer, organisatorischer und auch militärischer Vorarbeit auszurufen, war der Holocaust. Es ist geradezu ironisch: Der zionistische Staat wurde angeblich gegründet, um die Juden vor Antisemitismus zu schützen und doch sind gerade er und seine Taten die Hauptursache für weltweiten Antisemitismus. Der Zionismus nährt sich aus dem vergossenen Blut von Juden. Deshalb muss davor gewarnt werden, dass durch die Handlungsweise der Zionisten hervorgerufener Zorn auf uns Juden im Allgemeinen projiziert wird, weil das nicht nur ungerecht, sondern auch noch Wasser auf die zionistischen Mühlen wäre. Die Zionisten befinden sich in einer "Win-Win"-Situation. Wenn sie erhalten, was sie fordern, haben sie gewonnen. Wenn man sich ihren Forderungen nicht beugt, bezichtigen sie die andere Seite, sie würde mit ihrer Haltung den Antisemitismus anheizen – und das bringt den Zionisten wieder die Unterstützung all jener, die keine Antisemiten sein wollen. Das Schlagwort "Antisemitismus" wird von der zionistischen Propaganda sowieso als Rechtfertigung für die Existenz des Staates "Israel" ausgeschlachtet. Die Gründer des Zionismus haben in ihren Büchern offen geschrieben, mit welchen Mitteln sie die Schaffung eines eigenen Staates herbeiführen wollten: Sie wollten den Antisemitismus so lange anheizen und die Sicherheit der Juden in allen Ländern der Welt so stark untergraben, bis diese gezwungen wären, in ihren Staat zu fliehen. Im Grundsatz lebt die zionistische Ideologie vom Leiden des jüdischen Volkes.
Tzippi Livni hat vor einigen Tagen die Welt sozusagen vor eine Alternative ihrer ganz eigenen Art gestellt, als sie formulierte, dass man zu wählen habe zwischen dem "Staat Israel" auf der einen oder dem "Terrorismus" auf der anderen Seite. Welch eine "chutzpah" angesichts der historischen Tatsache, dass der zionistische Staat auf der Grundlage von Terror aufgebaut wurde. Waren es nicht die Eltern von Frau Livni, die Mitglieder der Terrororganisationen "Irgun" waren? War nicht ihr Vater, Eitan Livni, an Sabotageakten und Terroranschlägen auf britische Patrouillenboote und Eisenbahnverbindungen beteiligt? Waren etwa nicht "Haganah" und "Palmach" paramilitärische, auf Terror spezialisierte Untergrundorganisationen, deren Ziele britische Polizei- und Radarstationen, arabische Busse und Marktplätze waren? Stiegen etwa nicht Mitglieder dieser Terrororganisationen in höchste Ämter des zionistischen Staates auf?
Es war der verehrte Rabbi Baruch Kaplan - Friede seiner Seele - der sich als Zeitzeuge der Hebron-Pogrome des Jahres 1929 äußerte: "Zu jener Zeit", schrieb er, "argumentierten die Zionisten mit dem Slogan, die westliche Tempelmauer in Jerusalem sei ein 'nationales Symbol'. Selbstverständlich waren die Araber mit dieser Idee nicht einverstanden in Anbetracht dessen, dass sie den Ort seit über 1100 Jahren regierten. Trotzdem schrie der zionistische Mob: 'Die Mauer ist unser!' Es ist schwer zu verstehen, warum sie dieser Ansicht verfielen, angesichts dessen, dass sie überhaupt keine Beziehung zu den heiligen jüdischen Orten hatten. Die zionistischen Zeitungen brachten das Argument über die Herstellung eines dauerhaften Gebetsortes für die Juden an der westlichen Tempelmauer heraus. Dies provozierte die Araber und der damalige Rabbi von Jerusalem, Rabbi Yosef Chaim Sonnenfeld, bat um Einhalt und um Dankbarkeit gegenüber den Arabern, dass sie so viele Jahrhunderte den Juden das unbeeinträchtigte Beten an der westlichen Mauer des Tempels erlaubt hatten. Die Zionisten weigerten sich jedoch, die Ermahnungen des Rabbi Sonnenfeld zu beherzigen und sie beriefen eine große Konferenz der Juden in Jerusalem ein. Schätzungsweise 10.000 Leute kamen zusammen. So begann der damalige Konflikt zwischen Zionisten und Arabern in Hebron. Die Araber waren ein freundliches Volk uns gegenüber und ich bin ein Zeuge dafür. Wir lebten sehr gut mit ihnen in Hebron. Es sind die verfluchten Zionisten, die den Hass der Araber gegen uns verursachen."
Muslimische Länder und Regierungen jedoch haben im Laufe ihrer Geschichte die Juden geschützt und ihnen oft genug vor Verfolgungen Zuflucht gewährt. Nach der spanischen Reconquista flüchteten die Juden gemeinsam mit ihren muslimischen Nachbarn in Richtung Süden, weil es für Juden sicherer war unter muslimischer Herrschaft zu leben als innerhalb des katholischen Spaniens. Bis zum heutigen Tag erfreuen sich die Juden Marokkos an dem besonderen Schutz des Königs. Die iranischen Juden weigern sich beharrlich zionistischen Erpressungsversuchen nachzugeben und den Iran Richtung "Israel" zu verlassen und sie erfreuen sich am friedlichen Leben mit allen religiösen Freiheiten. Die kleine noch verbliebene jüdische Gemeinde des Libanon wird vor allem von Muslimen in ihrem Bestreben unterstützt, die Synagoge Beiruts - die auch durch zionistische Fliegerangriffe zerstört worden ist - zu restaurieren.
Ich möchte mich auf diese Aspekte gemeinsamer jüdisch-muslimischer Geschichte sowie auf das Vermächtnis von Rabbi Baruch Kaplan sel. A. beziehen und darum bitten, dass orthodoxe und nicht-zionistische Juden beispielsweise zu Konferenzen der Arabischen Liga eingeladen werden, damit sie dort die Möglichkeit bekommen, ihre Mission der muslimischen Welt gegenüber erklären zu können. Die muslimischen und palästinensischen Gemeinden in Deutschland sollten sich nicht von dem verzerrten Bild, welches das offizielle "Judentum" in Deutschland bietet, in ihrem Urteil über das wahrhaft jüdische Volk, beeinflussen lassen. Die Organisation, die sich "Zentralrat der Juden" nennt, repräsentiert kein Judentum. Diese Leute vertreten Eigeninteressen und sind nichts weiter als Sprachrohre des Zionismus in Deutschland, die ihre Hauptaufgabe darin sehen, Kritiker am zionistischen Staat oder ihrer eigenen Institution mit nahezu inquisitorischer Perfektion mundtot zu machen und sie gesellschaftlich zu isolieren. Der zionistische Zentralrat hat keinerlei Bezug zu den Grundlagen und Werten unserer Religion, keiner ihrer Führer lebt nach den Gesetzen der Thora, die Ausübung religiöser Rituale hat bestenfalls eine Alibifunktion und die jüdische Religion wird ausschließlich für politische Zwecke missbraucht. Geben Sie stattdessen Thora-treuen und authentischen Juden auch in Deutschland die Möglichkeit ihr Anliegen bei Veranstaltungen und Gesprächen darlegen zu können. Lasst uns gemeinsam als Juden, Muslime und Christen dem zerstörerischen Treiben des Zionismus entgegentreten - nicht nur im Sinne des überlieferten und authentischen Judentums, sondern letztlich auch im Interesse eines befreiten Gesamt-Palästina und seiner Einwohner.
Möge Gott uns und der gesamten Welt Friede spenden!
Reuven Cabelman
14. 01. 2009
Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel,
Als die israelische Luftwaffe die ersten Bomben auf palästinensische Häuser, auf
Frauen und Kinder und auf Hamas-Einrichtungen in Gaza geworfen hatte, hielt ich
mich gerade in meiner iranischen Heimat auf. Die überwiegend staatlich
kontrollierten Medien machten übereinstimmend das "Zionistische Besatzerregime"
für den Kriegsbeginn verantwortlich, das staatliche Fernsehen reduzierte seine
Kriegsberichterstattung darauf, den Zuschauern immer wieder neue Leichenberge ,
eben "islamische" Opfer des Zionismus, zu präsentieren. Als sich herausstellte, dass
über die iranischen Medien in diesem Zusammenhang objektive Informationen nur
schwer zu bekommen sind, wandte ich mich ARD und ZDF, eben den öffentlichen
Fernsehanstalten meiner deutschen Heimat, zu.
Zu meiner Verblüffung erlebte ich auch dort eine nicht minder einseitige
Kriegsberichterstattung, mehr noch: ich erfuhr, dass Sie, Frau Bundeskanzlerin, „allein
und ausschließlich“ die Hamas für das Auslösen des Krieges verantwortlich gemacht
hatten. Zunächst traute ich erschrocken meinen Ohren nicht, dann wurde aber diese
Nachricht zur Gewissheit, als ich mir in Erinnerung rief, wie Sie sich schon während
Ihrer ganzen Regierungszeit zum Nahostkonflikt verhalten hatten. Dass auch Ihr SPD
Außenminister Frank Walter Steinmeier sich ähnlich wie Sie positioniert hatte,
machte Ihre Haltung weder verständlicher noch glaubwürdiger. Inzwischen gibt es
auf Grund fundierter Berichte und einer nachprüfbaren Rekonstruktion der Ereignisse
die Gewissheit, dass Israels Armee durch Zerstörung eines Tunnels, bei der fünf
Palästinenser getötet wurden, Hamas veranlasst hatte, ebenfalls den vereinbarten
Waffenstillstand zu beenden, den sie bis dato nachweislich penibel genau
eingehalten hatte.
Israel setzt den Krieg immer noch fort, der vor über zwei Wochen begann. In Gaza
findet man ein Bild des Grauens und der Zerstörung vor, bisher über 1000 Tote und
mehrere Tausend Verwundete, darunter mit der überwältigenden Mehrheit Kinder
Frauen und Gebrechliche. Stündlich kommen weitere Tote und Verwundete hinzu.
Was muss noch alles geschehen, um von einem Völkermord an den Palästinensern
zu sprechen. Gaza wird inzwischen als das größte Gefängnis der Welt und zuweilen
auch als neues Guernica bezeichnet. Schon vor einigen Tagen rückte der
südafrikanische Friedensnobelpreisträger Bischof Desmond Tutu den Krieg Israels in
die Nähe von Kriegsverbrechen. Richard Falk, der Sonderbeauftragte des UN-Menschenrechtsausschusses
für die besetzten Gebiete, der zweifelsohne kein
Hamas-Sympathisant ist, stuft die Situation eindeutig als Kriegverbrechen ein, m. E.
ganz zu Recht.
Die Zivilbevölkerung befindet sich auf der Flucht, aber wohin? Sie ist von allen Seiten
eingekesselt, Israels Soldaten machen auch nicht vor UN-Einrichtungen wie Schulen,
die als solche klar erkennbar sind, Halt. Für die Bombardierung dieser wenigen
Schützräume und Ermordung unzähliger Menschen, die dorthin geflüchtet waren,
gibt es keinerlei Rechtfertigung. Derartige Bombardierungen verstoßen, wie der
gesamte Krieg, auf eklatante Weise gegen das Völkerrecht. Selbst wenn Hamas, wie
die israelische Propaganda ständig behauptet, die eigene Bevölkerung tatsächlich
als Geisel benützte, verletzte auch sie das Völkerrecht. Israel kümmert sich aber, wie
in den letzten Jahrzehnten nach dessen Gründung, insgesamt keinen Deut um das
Völkerrecht, Hauptsache dessen Regierung hat einen Vorwand, um die eigenen
schändlichen Taten den Gegnern unterzuschieben und sich selbst als
Unschuldslamm und als Opfer darzustellen, die lediglich auf die Aggression der
Gegenseite regiert.
Nicht nur für Israels Bomben, auch für die Kassam-Raketen der Hamas gegen
Israels Städte, gibt es keine Rechtfertigung. Es gibt es keinen Zweifel daran, dass
auch diese Hamas-Raketen gegen das Völkerrecht verstoßen. Ich füge noch hinzu,
dass diese Strategie von Hamas längst in die Sackgasse geführt hat, anstatt für das
palästinensische Volk eine Friedensperspektive zu ermöglichen. Und dennoch
genießt die Hamas das politische Vertrauen eines großen Teils des
palästinensischen Volkes. Die vor 20 Jahren verfasste Charta ist für Hamas
allerdings das größte Hindernis, um von der Weltöffentlichkeit als eine maßgebliche
politische Kraft zur Erreichung einer Friedenslösung im Nahen Osten anerkannt zu
werden. Sie ist hinter den Realitäten leider weit zurückgeblieben, da in dieser Charta
eine Koexistenz der Palästinenser mit Israel ausdrücklich ausgeschlossen wird.
Ich frage Sie aber, Frau Bundeskanzlerin: haben Israel und seine westlichen
Verbündeten Hamas je Gelegenheit gegeben, die sie braucht, um sich nach Außen
zu öffnen und ihre Ziele zu reformieren? Ohne die Situation vergleichen zu wollen,
frage ich Sie weiter, wie lange es in der Bundesrepublik gedauert hat, die
Entnazifizierung halbwegs durchzuführen, wie lange es gedauert hat bis aus der
SED von 1989 die heutige Linkspartei hervorgehen konnte und das unter beinahe
idealen ökonomischen und politischen Rahmenbedingungen? Auch bei der
palästinensischen PLO nahm die politische Neuorientierung trotz der
Friedenssehnsucht des palästinensischen Volkes länger als zwei Jahrzehnte in
Anspruch.
Leider wurde und wird immer noch der Hamas die unerlässliche Geduld zur
Umorientierung nicht entgegen gebracht, die sie brauchte. In keinster Weise und
ganz im Gegenteil; ihr wird buchstäblich, und das möchte ich unterstreichen, jedwede
Chance zur Veränderung genommen. Die Hamas gewann in 2006 die
demokratischsten Wahlen, die es je in der arabischen Welt gegeben hat. Spätestens
hier hätte die Hamas eine historische Chance gehabt, sich durch die
Regierungsverantwortung für das gesamte palästinensische Volk an die innen- und
außenpolitischen Realitäten anzupassen und einen Weg zu beschreiten, der das
Ende der Gewalt und Selbstmordattentate herbeiführt und den Beginn eines neuen
Friedensprozesses eingeläutet hätte. Wie hat aber Israel, wie haben die USA und die
EU und wie haben Sie persönlich, Frau Bundeskanzlerin, auf die demokratische
Wahl und den Hamas-Sieg reagiert, wissen Sie das noch?
Sie haben ganz nach dem Wunsch der israelischen Regierung mit dem sofortigen
Stopp aller Gelder für die durch die PLO-Funktionäre besetzte Autonomieregierung
reagiert. Damit haben Sie und die EU, in der Gefolgschaft der schrecklichen Bush-
Regierung, die von externen Geldern abhängigen PLO-Funktionäre und die korrupte
Autonomieverwaltung mit dem nur beschränkt demokratisch legitimierten
Präsidenten Mahmud Abbas gegen die Hamas-Regierung aufgewiegelt. Die
Freigabe der Gelder wurde von der Forderung an Hamas abhängig gemacht, ihre
Charta zu ändern und der Gewalt abzuschwören: Durch diese kurzfristig unerfüllbare
Forderung, die von der Hamas nicht weniger verlangte, als über Nacht die eigene
Identität abzulegen, wurde ein Vorwand geschaffen, um die hinterhältige Politik von
divide et impera zu verschleiern. Der Rest ist bekannt. Palästina wurde tatsächlich in
Westbank und Gaza gespalten. Die „moderate“, de facto aber nicht mehr legitimierte,
PLO-Regierung von Mahmud Abbas in der Westbank, inzwischen wieder durch
großzügige Geldzuwendungen mundtot gemacht, wird wie eine Marionette
vorgeführt, während 1,5 Millionen Palästinenser durch die systematische Abriegelung
des Gazastreifens mit einem inhumanen Schicksal in dem größten Ghetto, das die
Menschheit je gesehen hat, abgestraft wurden, weil sie sich für die Hamas
entschieden hatten.
Frau Bundeskanzlerin, Sie haben persönlich die Mitverantwortung für Israels
systematische und umfassende Blockadepolitik des Gazastreifens, für diese
menschenfeindliche Politik des Aushungerns der Zivilbevölkerung. Diese alle Ideale
der Demokratie verratende Politik hat der Hamas keine andere Wahl gelassen, als
sich zu radikalisieren und im Ausbau ihres Arsenals an primitiven Kassam-Raketen,
die in militärischer Hinsicht mehr symbolisch als waffentechnisch wirken, ihre einzige
Hoffnung zu sehen. Diese Politik Israels und des Westens musste zum aktuellen
Krieg führen, den Israels Regierung offensichtlich von langer Hand sorgfältig
vorbereitete, um ihn zur Jahreswende und während die halbe Welt sich unter dem
Weihnachtsbaum befand, vom Zaun zu brechen.
Israels Regierungspartei Kadima beharrt nun hartnäckig auf der Zerstörung aller
Tunnels, die das Überleben der Menschen in Gaza, aber vermutlich auch die
Waffenlieferungen für Hamas möglich machten, um dem von den UN geforderten
Waffenstillstand zuzustimmen, um also weiterhin mit der mörderischen
Blockadepolitik in Gaza fortzufahren. Auch Sie, Frau Bundeskanzlerin, verfolgen
dasselbe Ziel. Ihr Außenminister, Herr Frank Walter Steinmeier, war vor Ort, nicht
etwa um beide Seiten für eine Zustimmung zur UN-Resolution zu gewinnen, nein,
nein, ganz und gar nicht. Er hatte ausdrücklich vor, mit deutscher Hilfe dafür zu
sorgen, dass die Tunnels von der ägyptischen Seite zugemacht werden, um – ganz
nach dem Wunsch der israelischen Regierung – wie er es formuliert „die
Voraussetzung für den Waffenstillstand“ (genauer für Israels Blockadepolitik)
herzustellen.
Wollen Sie, Frau Bundeskanzlerin, und Ihr Außenminister im Namen der Deutschen
etwa erreichen, dass durch die Fortsetzung der Blockadepolitik nach einem
Waffenstillstand die palästinensischen Kinder und Mütter in Gaza keine
Nahrungsmittel mehr bekommen, die Krankenhäuser und die gesamte medizinische
Versorgung noch gründlicher zusammenbrechen? Im Übrigen ist der immer wieder
strapazierte Vorwand „Verhinderung der Waffenlieferungen“ eine Farce. Hätte die
Hamas die Tunnels für umfangreiche Waffenlieferungen benutzen können, hätte sie
sich aller Wahrscheinlichkeit nach schon längst die leicht transportierbaren
Panzerfäuste durch die Tunnels besorgt, hätte sie die israelische Bodenoffensive
durch die Zerstörung israelischer Panzer längst stoppen können.
Israels Krieg in Gaza stellt m. E. ein Novum in der Geschichte dar: Die fünftstärkste
Armee der Welt führt gegen ein kleines wehrloses Volk einen Krieg aus der Luft, von
der See und auf dem Boden, sie, die Armee, zerstört die Stromversorgung, die
Wasserversorgung, beschießt Krankenhäuser, verwehrt tagelang, trotz Protesten des
IKRK, Ambulanzen den Zugang zu den von der Armee beschossenen Stadtvierteln,
bombardiert UNRWA-Konvois mit Hilfsgütern für die Zivilbevölkerung und setzt sich
über die Resolution des UN-Sicherheitsrats, die Kriegshandlungen sofort
einzustellen, bedenkenlos hinweg. Und dies alles geschieht vor unserer aller Augen,
vor den Augen der gesamten „zivilisierten“ Weltöffentlichkeit. Es gibt keinerlei
Proteste Ihrer Regierung und jener Regierungen anderer Staaten, die in vielen
anderen Fällen - wie beispielsweise im Falle von Menschenrechtsverletzungen der
VR China und der Islamischen Republik Iran - nicht zögern zu protestieren oder gar
Sanktionen zu verlangen. Mehr noch: Im Falle von Israel sind die gezielt
ausgesuchten Journalisten in manipulativer Absicht augenfällig bemüht, für die
Verbrechen der israelischen Armee Verständnis zu wecken, anstatt über die
grausamen Folgen des Krieges objektiv zu berichten. Es ist alarmierend, dass die
ARD-Talkshow-Redaktion „Anne Will“ eine für den 11. Januar geplante Sendung
über den Krieg in Gaza, aller Wahrscheinlichkeit nach auf politischen Druck hin,
absetzte. Dies wäre in meinen Augen ein harter Schlag gegen die Pressefreiheit und
die Demokratie in Deutschland. Daher ist es durchaus nicht zufällig, dass die
Öffentlichkeit in Deutschland sich so gut wie überhaupt nicht rührt, obwohl Israel im
Begriff ist, vor unseren allen Augen in Gaza einen Völkermord zu begehen.
Die erschreckende Gleichgültigkeit hierzulande mag auch daran liegen, Frau
Bundeskanzlerin, dass die Hamas und die sie unterstützende palästinensische
Bevölkerung durch nahezu alle deutschen Politiker und Politikerinnen sowie Medien
systematisch dämonisiert worden sind und weiterhin auch dämonisiert werden. Es
gibt im deutschen Rundfunk und Fernsehen keine Nachricht oder keinen Kommentar
zu hören, in denen die Hamas nicht ohne das Attribut „radikalislamisch“ umschrieben
wird. Ich kann mich aber nicht entsinnen, dass Israels Regierung oder selbst militante
Siedler im Kontext der Nachrichten je als „zionistisch“ charakterisiert worden wären.
Mit der offensichtlich von „oben“ vorgeschriebenen einheitlichen Sprachregelung
„radikalislamische Palästinensergruppe“ erscheint Hamas per se als ideologisch
indoktrinierte und aggressive Tätergruppe auch dann, wenn ihre Kämpfer Opfer
israelischer Bomben werden. In dieser sprachlich subtilen Konnotation erscheinen
auch selbst zivile Opfer israelischer Angriffe als hinnehmbare Kollateralschäden,
wenn gleichzeitig - wie dies auch regelmäßig geschieht – hinzugefügt wird, dass die
israelische Armee die Kämpfer der „radikalislamischen“ Hamas in der Nähe der
Opfer vermutete.
Eigentlich müssten Sie, Frau Bundeskanzlerin, aus historischen Erfahrungen in
Deutschland wissen, dass diese Art von Dämonisierung von Anderen verblendet und
die Empathie von uninformierten Menschen zerstört, um so eigene Verbrechen
gegen den tatsächlichen oder vermeintlichen Feind als legitim erscheinen zu lassen.
Dies geschieht umso wirkungsvoller, je voreingenommener die Menschen der
anderen Seite gegenüber eingestellt sind. Die Nationalsozialisten haben genau mit
dieser verabscheuungswürdigen Methode die überwiegend antisemitisch
voreingenommenen Deutschen gegen die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung
immunisiert und damit vor ihren Augen den Holocaust veranstaltet. Mir liegt es, Frau
Bundeskanzlerin, absolut fern, mit diesem Hinweis – dies möchte ich ausdrücklich
hervorheben - Israels Krieg in Gaza mit dem Holocaust gegen die Juden zu
vergleichen. Sehr wohl sollte dieser Vergleich aber, zugegeben zugespitzt, deutlich
machen, dass die Dämonisierung von Hamas, bei den ohnehin antiislamisch
voreingenommenen Menschen in der gesamten westlichen Welt, die Voraussetzung
dafür liefert, dass Israel in Gaza - und nicht nur dort - alles, aber auch alles, was
menschen- wie völkerrechtlich untersagt ist, sich selbst ungestraft erlaubt. In meiner
Heimat Deutschland wird die beklagte Dämonisierung von Hamas leider mit
besonderem Eifer und oft auch freiwillig betrieben. Ich werde in diesem
Zusammenhang, Frau Bundeskanzlerin, den Verdacht nicht los, dass die politische
Elite in Deutschland die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Verbrechen
gegenüber der heutigen Generation der jüdischen Opfer bewusst oder unbewusst zu
Lasten Anderer zu betreiben versucht. Diese Haltung, die in meinen Augen eine
wohlfeile und inakzeptable Form der eigenen Geschichtsaufarbeitung ist, bestimmt
die gesamte deutsche Nah- und Mittelostpolitik in besonders tragischer Weise im
Verhältnis zum palästinensischen Volk, dessen Heimat der jüdische Staat Israel
weiterhin völkerrechtswidrig besetzt hält.
Israel führt den Krieg in Gaza, um – wie die israelische Regierung behauptet – die
Beschießung israelischer Städte im Süden durch die Kassam-Raketen zu beenden.
Wie in allen bisherigen israelischen Kriegen wird auch im Gaza-Krieg stets die
Sicherheit der israelischen Bevölkerung als offizielles Kriegsziel vorgegeben. Die
Sicherheitslage der Menschen in Israel hat sich in den letzten Jahrzehnten dadurch
aber in keiner Weise verbessert, ganz im Gegenteil: ein Leben in ständiger Angst vor
unkalkulierbaren Risiken durch Raketen und Selbstmordkommandos, ständige Angst
davor, dass auch die Nachbarstaaten Israels zu Atombomben gelangen könnten, ein
Leben in einem Staat, der sich, wie kein anderer in der Welt, dem Völkerrecht so
respektlos widersetzt und unter keinen Umständen bereit ist, den Weg einer
gemeinsamen und international durch die UNO, durch die EU, sogar durch die USA
garantierten Sicherheit zu beschreiten, dessen Regierung hartnäckig und
gebetsmühlenartig die unsinnige Behauptung aufstellt, Israels Armee allein sei in der
Lage, die Sicherheit der Bevölkerung zu gewährleisten und sie könne sich daher
unter keinen Umständen auf eine andere Macht, auf eine andere Alternative,
verlassen. Ein Leben unter diesen ebenfalls inhumanen und unwürdigen
Bedingungen ist alles Andere als das, was die Weltgemeinschaft Israels Bevölkerung
zumuten sollte.
Man kann sich, Frau Bundeskanzlerin, des Eindrucks nicht erwehren, dass es der
Elite des israelischen Staates weniger um die Sicherheit seiner eigenen Bevölkerung
geht als vielmehr um einen nur scheinbar triftigen Vorwand zur Durchsetzung der
eigenen ideologischen Ziele. Diese Elite hat zu keinem Zeitpunkt die territorialen
Ziele des Zionismus zur Schaffung von Erez Israel aufgegeben. Eine ehrliche und
objektive Untersuchung von Israels Palästinapolitik ließe keinen anderen Schluss zu,
als dass sie, die israelische Elite, systematisch einen echten Frieden mit den
Palästinensern zu allen Zeiten unterminiert hat, sowohl vor wie nach dem Osloer
Friedensabkommen. Sie hat trotz aller Behauptungen, die lediglich zur Irreführung
der Weltöffentlichkeit verbreitet wurden, nie ernsthaft das Ziel verfolgt, einen
lebensfähigen Palästinenserstaat neben sich zu akzeptieren. Israel hat es jederzeit
versäumt, mit den Palästinensern und den Arabischen Staaten in der Region Frieden
zu schließen. Es brauchte nur den Willen, die UN-Resolution Nr. 242 vom 22. 11.
1967 umzusetzen und sich hinter die Grenzen von 1967 zurückzuziehen, um von der
Weltgemeinschaft die umfassendsten Sicherheitsgarantien zu erhalten, die ein Staat
in der Weltgeschichte je erhalten hat. Aber die zionistische Elite Israels hat es lieber
vorgezogen, durch ihre Politik der Verweigerung eine Generation von Terroristen
durch eine neue zu ersetzen, zunächst die „Fatah-Terroristen“ und dann die „Hamas-
Terroristen“. Offensichtlich kann die israelische Elite gut mit der ständigen Angst der
eigenen Bevölkerung leben, die erforderlich ist, um sie in eine Politik der dauerhaften
Besatzung und der schrittweisen Zerstückelung und Einverleibung des Territoriums
eines von den Palästinensern erträumten Staates einzubinden, auf dass ein solcher
palästinensischer Staat nie wird entstehen können und auf dass irgendwann die
Palästinenser, ihrer Kampfeskraft beraubt, durch Spaltung und Bruderkrieg
gegeneinander aufgewiegelt, danieder liegen und anfangen würden, ihren Traum
vom eigenen Staat aufzugeben.
Israels Elite hat offensichtlich immer noch nicht begriffen, dass dieser Weg ein Irrweg
ist, dass sie - trotz der Instrumentalisierung des Holocaust zur Legitimierung ihrer
lediglich ideologisch fundierten Politik in der Weltöffentlichkeit - an der Fortsetzung
dieser Politik scheitern wird, eine Politik, die Hass und Feindschaft produziert, um der
eigenen - quasi in Geiselhaft genommenen – Bevölkerung vor Feinden Angst zu
machen und ihnen im Ergebnis die Perspektive eines Lebens in Frieden mit den
Nachbarn unmöglich zu machen. Eine solche Politik ist einer Unterstützung nicht
würdig ebenso wie auch die leidgeprüfte Bevölkerung Israels gerade angesichts des
Holocaust eine politische Führung wie die gegenwärtige nicht verdient hat.
Sie, Frau Bundeskanzlerin, auch die politische Elite in Europa und in den Vereinigten
Staaten von Amerika, Sie alle sind mitverantwortlich nicht nur für das Leid der
Palästinenser, sondern auch für das Leid der Bevölkerung Israels, ständig in Angst
und Schrecken leben zu müssen. Es ist an der Zeit, diese verhängnisvolle
Israelpolitik durch eine zukunftsfähige Politik zu ersetzen, die auf echter
ökonomischer, kultureller und politischer Kooperation zwischen Israel und dessen
Nachbarn aufbaut.
Mit Respekt vor Ihrem Amt und
freundlichen Grüßen
Prof. Dr. Mohssen Massarrat
06.01.2009
Sehr geehrte Frau Dr. Merkel,
lassen Sie mich vorweg sagen, dass ich Ihnen diesen Brief aus großer Sympathie für
Deutschland schreibe, ein Land in dem ich seit 53 Jahren mit meiner Familie lebe.
Am 18.03.2008 haben Sie in einer Rede vor dem israelischen Parlament, der Knesset, im Namen der deutschen Bundesregierung erklärt, dass die Sicherheit Israels Teil der Staatsräson der Bundesrepublik Deutschland sei.
Der Soziologe Professor Moshe Zimmermann hat die in Ihrer Rede zum Ausdruck
gebrachte Haltung der Bundesregierung zum Staat Israel als eine “befindlichkeitsgeschwängerte Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus über ein
fetischisiertes »Israel«-Bild“ beschrieben.
Diese deutliche Kritik an der Bundesregierung wurde meines Erachtens durchaus
berechtigt geübt, wie sich in diesen Tagen an der Haltung der deutschen Bundesregierung zum Angriff Israels auf Gaza ablesen lässt.
Die Angriffe Israels auf Gaza zum Anlass nehmend, hat die Bundesregierung die
Öffentlichkeit am 29.12.2008 wissen lassen, dass die Verantwortung für die Entwicklung in der Region "eindeutig und ausschließlich" bei der Hamas liege, darin sei sie sich mit dem Ministerpräsidenten Israels einig.
Offensichtlich hat die deutsche Bundesregierung diese uneingeschränkte und
bedingungslose Solidarität mit Israel formuliert, um auf diese Weise der oben erwähnten Staatsräson für die Bundesrepublik eine Konsequenz in der politischen Praxis zu verleihen.
Bitte erlauben Sie mir Ihnen in Ihrer Eigenschaft als höchste Vertreterin unserer
Bundesregierung und Ihrem Kabinett mit klaren Worten zu widersprechen, im Interesse der Bundesrepublik, wie auch im Interesse der Menschen, von denen viele auch in Palästina, wie auch in anderen Ländern der Muslimischen Welt, vor dem seit
Jahrhunderten in Europa verwurzelten Antisemitismus, immer eine Zuflucht gefunden
haben.
Ihre Regierung legt Wert darauf, „dass bei der Beurteilung der Situation im Nahen Osten Ursache und Wirkung nicht vertauscht werden“ und „Ursache und Wirkung nicht in Vergessenheit geraten", aber dann muss die Bundesregierung sich auch im historischen Kontext an der von ihr aufgestellten Maxime messen lassen. Die deutsche Regierung vertauscht diese Zusammenhänge in höchst bedenklicher Art und Weise.
Mit der einseitigen Parteinahme für die menschenverachtende, aggressive und
kriegstreibende Politik des Triumvirats Olmert – Barak – Livni, eine Politik, die dem Staat Israel weder mittel- noch langfristig nützt, sondern schaden wird, begeht die
Bundesregierung einen unerträglichen, gegen die Palästinenser gerichteten
Zivilisationsbruch.
Die Bundesregierung verstößt damit gegen die universellen Menschenrechte, weil sie
deren Einhaltung von Israel nicht einfordert. Menschenrechte besitzen eine nicht
qualifizierbare Gültigkeit, unabhängig von Rasse, Geschlecht und religiöser Zugehörigkeit.
Diejenigen, die heute die Regierung Israels für den Tod von über 630 und die
Verstümmelung von über 2700 Menschen - Tendenz steigend- bei dem seit über sechs Monaten (!) geplanten Angriff auf Gaza, das „größte Freiluftgefängnis der Welt“ (Bischof Desmond Tutu), verantwortlich machen, haben längst erkannt, dass der Konflikt in Palästina nicht auf ein paar, primitive von der Hamas auf die Städte Sderot und Ashkelon abgefeuerten Geschosse zurück zu führen ist.
Damit Sie mich nicht falsch verstehen, der Tod von israelischen Zivilisten durch Kassam- Projektile ist durch nichts zu rechtfertigen!
Aber der mittlerweile zweite Krieg, den die Regierung Olmert in Gaza seit 2006 durchführt, wie auch die Schaffung eines seit über zwei Jahren real existierenden „Ghetto Gaza“, dessen Bevölkerung man einer umfassenden Belagerung aussetzt, ist ebenfalls durch nichts zu entschuldigen!
Die westliche Wertegemeinschaft kann sich nicht mit vorwurfsvollen Verweis auf die
Hamas stillschweigend auf ein unterschiedliches Richtmaß verständigen, ohne ihre
Glaubwürdigkeit nachhaltig und grundsätzlich in der Muslimischen Welt zu verlieren.
Die explosive Situation, die in Gaza existiert, ist nicht "ausschließlich und eindeutig" das Produkt der Hamas-Regierung. Achtzig Prozent der Menschen, die in Gaza leben, sind Personen und deren Nachkommen, die im Jahr 1948 bei der Staatsgründung Israels in den Gazastreifen geflohen sind, auch aus ehemals arabischen Städten wie Ashkelon, auf arabisch „Askalaan“ genannt .
Die Mehrheit der Menschen in Gaza stammt nicht aus Gaza, sondern sie sind Opfer von Vertreibung!
Die Menschen von Gaza leben seit 1967 gemäß internationalem Recht unter israelischer Besatzung, daran hat auch der Rückzug der Siedler und der israelischen Armee effektiv nichts geändert.
Das Bild, dass uns westliche Medien über Gaza zu vermitteln suchen, entspricht nicht den historischen Gegebenheiten und Folgen. Gaza ist nicht ein Slum, in dem eine Gruppe von bärtigen, angeblich anti-semitischen, muslimischen Extremisten von heute auf morgen verrückt geworden sind, die jetzt „zu Recht“ seitens des angeblich "friedliebenden" und "rechtsstaatlichen" Israel zu Staub zerbombt werden dürfen, während die Hüter der Menschenrechte im Westen „das Recht Israels auf Selbstverteidigung“ zitierend zuschauen - als ob dieses ein absolutes, nur dem Staat Israel zustehendes Recht sei.
In Gaza leben in einem Gebiet so groß wie die deutsche Hansestadt Bremen Opfer einer historisch belegbaren "ethnischen Säuberungspolitik" seitens Israels, so der israelische Historiker Dr. Ilan Pappe.
Nach Aussage des deutschen Nahostexperten Dr. Michael Lüders leben die Menschen in Gaza nicht in der „dritten, der vierten, sondern in der fünften Welt“.
Allein im ersten Quartal des Jahres 2008 zerstörte die Armee Israels in Gaza 289 Häuser und tötete 247 Menschen, darunter 42 Kinder und 15 Frauen. Sollte Zurückhaltung nicht
anders aussehen?
Die Ursachen des gegenwärtigen Konfliktes dürfen daher nicht in der Situation des Gazas von heute und der palästinensischen Wahlen von 2006 gesucht werden. Gaza ist Symptom einer seit über 60 Jahren andauernden katastrophalen und verfehlten Nahostpolitik und Regionalpolitik des Westens respektive Israels, die die Palästinenser zur Geisel genommen hat und, die die Palästinenser für das vergangene Unrecht, dass Europa den Menschen jüdischen Glaubens angetan hat, rücksichtslos bluten lässt.
Die von Ihrem Außenminister Steinmeier angekündigte Erhöhung der humanitären Hilfe für die Menschen in Gaza ist zu begrüßen, aber sie ist dennoch Ausdruck einer fehlgeleiteten Nahost-Politik. Diese vermittelt den Eindruck, man könne einem Volk von mittlerweile mehr als neun Millionen Palästinensern dauerhaft das natürliche und unveräußerbare Recht auf Menschenwürde und sichere Heimstätte nehmen lassen und durch eine permanente humanitäre Hilfe ersetzen. Ist dieser Zustand nicht erniedrigend?
Diese nicht nur von Deutschland praktizierte politische Haltung verlängert doch nur in
kunstvoller Weise das Leid, das Elend und die Perspektivlosigkeit von hier 1.5 Millionen
Menschen in Gaza, weil man aus einem falschen Geschichtsverständnis heraus nicht
gewillt ist, im Fall von Palästina generell Gerechtigkeit und Fairness zu üben.
Die oft bemühte "westliche Wertegemeinschaft" versagt mit Blick auf Palästina auf ganzer Linie, sie verliert sich in Lippenbekenntnissen; in diesem Punkt trifft sie sich
Bedauerlicherweise mit vielen korrupten Staatslenkern der Arabischen Welt.
Professor Moshe Zimmermann hat dies in den folgenden Sätzen zusammengefasst, deren Lektüre ich jedem dringend empfehle, bevor wieder über "Ursache und Wirkung" gesprochen wird:
„Wer noch immer nicht den Unterschied zwischen Judentum, Zionismus und Israel,
mithin zwischen Antisemitismus, Antizionismus und Israel-Kritik begriffen hat, wird
zwangsläufig miteinander vermengen, was auseinander gehalten gehört. Israel führt einen erbitterten Kampf gegen Hamas und Hizbollah; dieser hat seinen historischen Ursprung sowie seine aktuelle Begründung in der nahöstlichen Geopolitik und im israelischpalästinensischen Konflikt, nicht im Antisemitismus als solchem, schon gar nicht in einem dem abendländischen vergleichbaren Antisemitismus.“
Wenn die Bundesregierung Ursachen anspricht, dann darf sie es sich bitte nicht bequem machen und nach der nächst besten Erklärung greifen, denn diese Selbstberuhigung stellt eine Beleidigung des allgemeinen Menschenverstandes dar! Die französische Regierung hat sich im aktuellen Krieg Israels gegen Gaza klüger verhalten, dies sei nur am Rande vermerkt.
Wenn Ihnen als höchste politische Repräsentantin unseres Landes und unserer
Regierung wirklich an einer Lösung des Konfliktes in Palästina gelegen ist, dann fallen Sie der israelischen Regierung in den Arm, deren Verteidigungsminister Ehud Barak in seinen eigenen Worten einen “totalen Krieg bis zum bitteren Ende“ führen will.
Diese nihilistische Sprache eines israelischen Politikers, dem die Türen zu den politischen Schaltzentren des Westens offen zu stehen scheinen, lässt mich schaudern, weil aus seinen Worten der unsägliche Geist einer furchtbaren Vernichtungsideologie aufsteigt.
Dass Israels Verteidigungsminister Ehud Barak und Außenministerin Tsipi Livni über die frisch angelegten Friedhöfe Gazas auch einen Kampf um die Wählergunst des
israelischen Elektorates führen, ist eine politische Praxis, die bei den Vertretern unseres Landes doch zumindest Ablehnung hervorrufen sollte.
Diese Kriegspolitik Israels hat sich längst von der Einsicht des ehemaligen
Premierminister des Landes, Jitzchak Rabin, verabschiedet, von dem nachfolgendes Zitat aus dem Jahr 1993 aus Anlass des Osloer Abkommen stammt:
"Wir sind dazu bestimmt, auf dem gleichen Boden, auf der gleichen Erde
zusammenzuleben. Es gab zu viel Blut und zu viele Tränen. Es reicht!"
Für diese Haltung musste er am 4. November 1995 mit dem Tod bezahlen, getötet durch die Kugeln, die ein jüdischer Terrorist auf ihn abfeuerte; er traf ihn tödlich, als er das "Lied des Friedens" sang.
Dreizehn Jahre später, am 4. November 2008 marschierten israelische Soldaten, zum wiederholten Mal (!) während des Waffenstillstandes in Gaza ein, und erschossen, verletzten und entführten mehrere Palästinenser, darunter auch Frauen.
Israel stellte mit dieser Verletzung der von Ägypten im Juni 2008 vermittelten Waffenruhe endgültig die Weichen für den am 27.12.2008 ausgerufenen Krieg gegen Gaza, den man den Namen "Gegossenes Blei" gegeben hat; ein kaum zu überbietender und perfider Zynismus, beruft sich dieser Name doch auf ein altes Lied, das Kinder (!) aus Anlass des jüdischen Chanukka-Festes singen.
Der ehemalige Vorsitzende der jüdischen Gemeinschaft von Schleswig Holstein Professor Rolf Verleger stellt aktuell und vollkommen zu Recht die folgende Frage:
„Gibt die Tatsache, dass wir europäischen Juden Opfer eines großen Unrechts
wurden, dem jüdischen Staat vor Gott und den Menschen das Recht, nun anderen Unrecht zu tun?
Das ist doch die Frage. Und da macht es sich Frau Merkel ein bisschen
einfach, wenn sie sagt, Israel hat immer Recht.“
Mit der pauschalen Unterstützung für Israels Kriegspolitik hat die Bundesregierung dem Ansehen der Bundesrepublik Deutschland in der Muslimischen Welt großen Schaden zugefügt und Israel einen gewaltigen Bärendienst erwiesen, wie die Zukunft leider zeigen wird.
Millionen von Deutschen haben staatliches Unrecht und Unterdrückung am eigenen Leib erduldet und erlebt, auch aus diesem Grund hätte ich von der deutschen Bundesregierung mehr politisches Fingerspitzengefühl und Weitsicht erwartet.
Vielleicht überdenken Sie und Ihre Minister die offizielle Haltung Deutschlands zu Israels Krieg in Gaza noch einmal.
Mit freundlichen Grüssen
Obeidullah El-Mogaddedi