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016-Mein zweiter Tunnel:

Steinwurf auf einen fahrenden Zug: Jugendstreich oder Straftat?

 

Nie hatte ich mir gedacht, dass ich so schnell einem zweiten Zug-Tunnel-Ereignis begegnen würde. Aber es ist passiert: Am Samstag war ich unterwegs zur Hochzeit eines lieben Paares. Plötzlich fährt unser Zug langsamer, und langsamer,… bis er zum Stillstand kam. Etwa drei Minuten später bekommen wir die Ankündigung des Zugchefs, dass im Einfahrtsbereich des nächsten Tunnels aus einer Brücke ein Stein auf einen Gegenzug geworfen wurde. Ein Fenster im Zug ist beschädigt worden, so dass der Zug kontrolliert werden muss.

Der Tunnel wird vorübergehend gesperrt.

 

Die schrecklichen Bilder von meiner letzten Tunnelentgleisung in Fulda schießen in mir hoch. Das ich mit euch darüber sprechen darf,  ist eine Erleichterung für mich, darum bedanke ich mich bei jedem, der für mich einen Du3aa(Bittgebet)  macht. Möge Allah taala euch dafür reichlich belohnen.

 

In der Wartezeit habe ich die Passagiere beobachtet, wie beim letzten Unfall. Ich konnte 196 Passagiere zählen Sie sind viel ruhiger, da es nur um eine Verzögerung geht. Zum Schluss hatten wir eine Verspätung von 46 Minuten. An der Unfallstelle warteten noch zwei andere Züge, bestimmt wurden andere Züge umgeleitet. Gott sei Dank, keine Personenschäden, aber Schäden an Tausende von Menschen:

Der Zug mit seinem lauten Hupen, das innere Zittern, als ich eine Person beim Überqueren der Gleise sah. Ich habe die ganze Zeit  rechts und links geschaut und am Schluss des Tunnels waren die drei berühmten Lichter der Züge, die ich auch fotografiert habe:

 

 

 

Meine Gedanken beschäftigen sich mit dem Täter.

Hat er Spaß beim Steinwerfen gehabt? Wie alt ist der Täter? Jugendlicher oder Erwachsener, männlich oder weiblich, Allein oder hatte er noch Mittätern dabei?

 Strafrechtlich könnte er als Erwachsener zur Rechenschaft gezogen werden.

Wegen seinem Spaß haben Tausende gelitten. Warum habe ich mich in diesem Moment an die kollektive Verantwortung unseres geliebten Propheten-Friede auf ihn- erinnert?

Als er mit seinen Gefährten unterwegs bei einer Rast in der Wüste die Aufgaben verteilte: Eine Gruppe für den Zeltbau, eine Gruppe für die Pflege der Reittiere, eine Gruppe für die Vorbereitung des Essens,… und der Prophet selbst übernahm die schwierige Aufgabe des Holzsuchens.

In der Wüste Holz suchen? Wie lange musste er laufen und in welche Richtung, damit er ausreichend Holz zum Kochen sammeln konnte?

 

Ein weiteres Beispiel für das verantwortungsvolle Handeln unseres geliebten Propheten  war  das Verhalten eines Beduinen: Er verrichtete mitten in der Moschee seine Notdurft.

In der heißen Wüste mit sehr viel Land und sehr wenig Menschen hätte solch ein Verhalten niemanden gestört. Aber jetzt ist er in der Stadt, jetzt ist er unter anderen Menschen und vor allem, jetzt ist er in der Propheten-Moschee!

Die Gefährten des Propheten wollten den Mann unterbrechen. Doch der liebe Prophet, der eine Barmherzigkeit für die Welten ist, hat die Lektion gütig und geduldig erteilt. Er hat gewartet, bis der Mann fertig war, denn der Gebetsraum wurde verunreinigt, ob wenige Tropfen oder eine größere Menge spielt hier keine Rolle.

Doch es kommt auf den Ton an! Der Prophet-s- hat nach dem er seine Gefährten beruhigt hat, alleine mit dem Mann gesprochen. Er hat die Gefährten zur kollektiven Verantwortung gefördert, dass sie einen Eimer Wasser holen und die Stelle reinigen.

Fehler von Unwissenden kann zu Schaden der Allgemeinheit führen, deshalb hat der Beduine Allah um Verzeihung gebeten.

 

Zurück zu dem Steinwurf auf den Gegenzug. Wir müssen pädagogisch lehrreich zu erkennen geben, wie schlimm diese Tat ist und welche Folgen sie hat.

 

Wir in der kollektiven Verantwortung müssen verantwortungsbewusste Kinder erziehen: Es geht also nicht nur um die Erziehung der eigenen Kindern, sondern die  Gesellschaft und die Politik ist auch gefordert.

Migranten und Einheimische sollten Hand in Hand mit den pädagogischen Institutionen zusammen arbeiten.

Migranten-Selbstorganisationen können Strukturen anbieten, die Kindern und Jugendlichen helfen können, ihre Selbstwertegefühle zu entdecken, zu pflegen und zu mehren.

 

Ganz interessant bei solchen Ereignissen sind die Reaktionen der Fahrgäste:

Beim ersten Tunnel war fast jeder mit sich selbst beschäftigt  und keiner suchte den Schuldigen.

Beim Steinschlag spüren die Fahrgäste die Verspätung und jeder hat Zeit zu philosophieren. In diesem Vergleich bin ich gesunken und es hat mich genervt.

  • Unser Zug hatte am Schluss eine Verspätung von 46 Minuten. Na und? Aber wir sind alle gesund. Unter das Leiden des ersten Tunnels leide ich bis heute, gesundheitlich, psychisch, beruflich,… und das Schlimmste sind die Nächte, weniger unruhiger Schlaf!
  • Keiner der Fahrgäste hatte sich um die Fahrgäste des anderen Zuges Gedanken gemacht. Wie Lange deren Verspätung ist bzw. ob ein Fahrgast wie ich jahrelang darunter leiden könnte?

 

Eine 46-minütige Verspätung ist schlimm genug und die Anschlusszüge werden nie so lange warten.  Für meine Geduld bin ich anderweitig belohnt worden, da mein Anschlusszug selbst eine kaltwetterbedingte Verspätung von 35 Minuten hatte. Und so hatte ich Glück in Unglück gehabt. Mir sind 35 Minuten Kälte erspart worden. Aber war ich im warmen Zug und 2 Minuten später kam mein Anschlusszug. Ein besseres Timing habe ich selten bei der Bahn erlebt.

 

Und so sind meine Zugreisen eine tolle Lektion für mich! Ich sehe die Schwächen der Anderen, aber sehe ich auch meine Schwächen, von den Passagieren und von der Gesellschaft. Es gibt schöne Zug-Geschichten: Ob der tolle geduldige Vater mit seiner kleinen Tochter oder das betagte über 80-jährige verliebte Paar oder der freche Fahrgast mit seinem Koffer oder die Dame mit ihrem Handy im Ruhebereich des Zuges .… Geschichten über Geschichten.

Bis bald!

 

Wassalam

Euer Ahmad Al-Khalifa

 

 

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