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Geschichte Nr.2:   

 

DAS ZOLLAMT UND DIE GLAUBWÜRDIGKEIT! 

 

Jährlich zum Fastenmonat Ramadan bekommt das Islamische Zentrum München aus dem Ausland Datteln zum Iftar (Fastenbrechen) gespendet. Freunde und Besucher des Zentrums möchten dadurch ihre Verbundenheit mit dem Zentrum und mit seinen Besuchern bekunden. Und immer sind viele Formalitäten zu erledigen. Früher vor etwa 25 Jarhen hatte es Stunden gedauert bis man eine Sendung frei bekommen konnte.

 

Diesmal war fast alles ganz anders.

*      Früher musste man über 3-4 Büros, Zollamt und Lager pendeln, jetzt erledigt ein Büro alles, um die Lieferung zu verzollen.

*      Früher wurde ich jedes Mal vom Zollbeamten nach dem Wert der Lieferung gefragt. Diesmal wurde ich nicht gefragt. Der Beamte fragte seinen Kollegen, der auf einer Liste schaute und ihm einen Preis gab. Ich versuchte den Preis runterzuhandeln, aber zwecklos.

*      Früher wurde ich von einem Beamten begleitet, der die Beschauung der Ware unternahm. Diesmal bewegte ich mich einsam zur Abholung der Datteln.

 

Unterwegs zur Moschee habe ich mich über diese Veränderungen und Erleichterungen gefreut. Zwangsläufig habe ich Vergleiche zwischen Heute und Früher gemacht, auch zwischen Hier (Deutschland) und Dort (Ägypten) gemacht. Bitte keiner darf mich nach dem Resümee meiner Vergleiche fragen, da dies Teile meiner Geheimnisse und Geschichte sind. Trotzdem werde ich euch eine dieser Geheimnisse verraten.

 

Etwa im Jahre 1982 hatte das Islamische Zentrum kurz vor der Jahreskonferenz eine Nachricht über eine Büchersendung aus dem Ausland erhalten. Am Flughafen hat sich herausgestellt, die es Werbungsbroschüren einer arabischen Zeitschrift zum freien verteilen sind. Dar Problem war hier bei der Verzollung. Der Beamte fragte mich nach dem Wert der Sendung. Und so ungefähr war das Gespräch zwischen uns:

 

Zoll: Wie hoch ist der Wert der Sendung?

Null. Es handelt sich um Werbematerial.

 

Zoll: Auch Werbematerial hat einen Wert. Was hat der Absender dort bezahlt?

Null. Es ist Werbematerial von einer Zeitschrift. Der Verlag dort besitzt die Druckerei und das Selbstdrucken hat sicherlich Nichts gekostet.

 

Zoll: Nichts kosten gibt es nicht. Es sind Arbeiterkosten, Tinten, Papiere, Lager, Transport,… usw. entstanden.

Bestimmt nicht. Es ist eine Hilfsorganisation, die durch Spenden und Ehrenamt die Kosten auf Null drücken.

 

Zoll: Anders. Was würden Sie bezahlen für diese Broschüre?
Nichts. Es ist Werbematerial. Auch hier bekomme ich Kataloge von Firmen, die gar nichts für mich kosten. (Namen hatte ich ihm genannt, aber ich darf hier keine versteckte Werbung machen)

 

Zoll: Aber trotzdem haben die Kataloge einen Wert. Wenn in Ihrer Heimat beim Zeitungshändler Zeitschriften in dieser Größe verkauft würden, wie hoch könnte der Preis sein?

(Ich habe angefangen mich an den Preise von 1977 zu erinnern, als ich zum letzten Mal in der Heimat eine Zeitschrift gekauft hatte, dann Umrechnungskurs) Etwa 20 Pfennige, war meine Antwort nach meiner Kopfrechnung.

 

Zoll: Nein! Das kann nicht sein. (Er steht auf, kommt zu mir an die Theke mit seinem großen Tischrechner) Sagen Sie! Was würde so eine Zeitschrift in Ihrer Heimat kosten? (Dann holt er selbst seine Umrechnungstabelle. Bedient seinen Tischrechner und ein Seufzer verlässt seine Kehle) Nein! Das geht nicht. Das sind nur 17 Pfennige. Dann bestelle ich einem Sachverständigen. Kommen Sie bitte morgen früh wieder.

 

Am nächsten Tag habe ich mich beim Zollbeamten noch mal gemeldet und er bat mich, draußen zu warten. Damals teilten sich zwei Beamten ein Bürozimmer. Jetzt sind moderne hellere Bürohallen, wo jeder jeden sieht.

Der Vorgesetzte sah mich in der Wartehalle und scherzte mit mir, dass ich Experte sei und keine Hilfe brauche, da ich auch Gestern da war. Ich antwortete, dass es um dieselbe Lieferung geht. Der Mann ging zum Zollbeamten rein, kam nach etwa zwei Minuten raus und bat mich rein. Und noch mal eine interessante Diskussion:

 

Chef: Worum geht es hier?

Beamter: Es geht um eine Lieferung von arabischen Broschüren, wo der Wert von dem Kunde viel zu niedrig angegeben wurde.

 

Chef: Und wie haben Sie das festgestellt, dass der Wert zu niedrig ist?

Beamter: Für 20 Pfennige bekommt man keine farbige Zeitschrift.

 

Chef: Woher wissen Sie, dass diese Angabe nicht stimmt?

Beamter: Weil ich es nicht weiß, habe ich einem Sachverständigen bestellt.

 

Chef: Nein, so geht es nicht. Für uns ist der Kunde die Informationsquelle. Wenn wir eine andere hätten und an die Wahrheit des Kunden zweifeln, dann ist die Bestellung des Sachverständigen notwendig. Sonst müssen wir die Information des Kunden akzeptieren.

Was hat der Kunde angegeben?

Beamter: 20 Pfennige.

 

Chef: Dann berechnen Sie ihm, was er sagte.

(Hier wollte ich korrigieren, es waren doch nur 17 Pfennige)

 

Der Zollbeamte begleitete mich zum Lager, um die Sendung zu beschauen. Dann kehrten wir zurück ins Büro und er berechnete die angefallenen Zollgebühren. Zu meinem Erstaunen sollte ich nur 6% MWSt. zahlen. Das ist 1,2 Pfennige pro Broschüre mal 500 Stück, das macht 600 Pfennige, ganze 6 DM. Wir hätten uns gestern einfacher einigen können. Ich hätte das Doppelte bezahlt, damit sich der Beamte beruhigt und ich Zeit und Benzinkosten spare.

 

Heute gut ein Vierteljahrhundert später: Während meiner Rückfahrt vom Zollamt mit den Datteln habe ich an dieser Stelle der Erinnerungen geschmunzelt. Warum? Typisch!

Dachte ich mir:

Der Beamte hatte sich für die Korrektheit der Berechnung eingesetzt.

Der Chef hatte sich für die Glaubwürdigkeit des Kunden eingesetzt.

Und ich hätte mir gewünscht, mich für die Vereinfachung der Formalitäten einsetzten zu können.

Jeder von uns drei war ein liebevoller Mensch! (Sind wir bestimmt bis heute!)

 

Wie viele von uns haben solche Erfahrungen in ihrem Leben gemacht, dass ein Richter (Sachverständiger) geholt wird und manch einer würde sich beleidigt fühlen!

 

Und Heute?

Es geht im Münchner Zollamt am Flughafen viel einfacher: Datteln 2 Euro, Druckmaterial 6 Euro. Als der Beamte den Wert seinem Kollegen sagte, habe ich ihm gescherzt: „Dann kaufe ich in Zukunft die Datteln beim Zollamt, es ist billiger als im Geschäft.“ Der Beamte hat nicht gelacht. Es war ein blöder Scherz. Ich befürchte nur, bis zum nächsten Ramadan wird das Zollamt seine Preisliste erhöhen. Und wieder bin ich schuld!

 

Möge Allah taala mir all meine Sünden verzeihen und vergeben. Amin!

 

 

Euer Ahmad Al-Khalifa 

 

 

 

erschienen am 27.10.2009

 

 

 

 

 

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